Alles auf Neustart?
Ein maroder Theaterinnenraum aus dem bürgerlichen 19. Jahrhundert. 935 Nutzungseinheiten soll er nach dem Umbau hergeben, gigantische Einnahmen durch Verpachtung und Vermietung bringen. Das rechnet die Immobilienmaklerin dem Regisseur auf der Bühne vor und erklärt, bevor die Bautrupps mit der Abrissbirne anrücken: «Hier wird nicht mehr probiert, hier wird gemacht.
»
Das würde ein gutes Motto für Vera Nemirovas Interpretation von Peter Ruzickas und Peter Mussbachs «Hölderlin»-Oper abgeben, die seit der von einem Eklat um das Leitungsteam begleiteten Berliner Uraufführung 2008 (siehe OW 1/2009) nicht mehr nachgespielt wurde. Die Regisseurin muss wohl gespürt haben, dass der Mangel an narrativen Strukturen des aus Hölderlin-Zitaten und profanem Gegenwartsvokabular gemixten Stücks nach einer neuen Idee für die Bühne verlangt: Die Theater-Metapher, die auch das Scheitern Hölderlins an seiner Zeit aufgreift, ist so stark, dass sie die Vorlage zu ersticken droht. Zumal die Regie ins Ironische, stellenweise sogar in Richtung Klamauk steuert. Indem Nemirova den Konflikt der um ihre Daseinsberechtigung kämpfenden Künstler mit der kapitalistischen Profitlogik schildert, führt sie das Theater ...
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Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Alexander Dick
Das 19. Jahrhundert ist die Epoche des Charakteristischen: 1827 proklamierte Victor Hugo, auch das Hässliche sei schön. 25 Jahre später veröffentlichte ein Nachfolger Kants im ostpreußischen Königsberg gar eine «Ästhetik des Hässlichen». Im 20. Jahrhundert musste sich dann auch das Musiktheater den Katastrophen zweier Weltkriege stellen. Mit dem naiven Glauben an...
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