Erst die Haltung, dann das Programm

Das Nationaltheater Mannheim hat eine große Tradition – und eine großartige Gegenwart, für die vor allem Klaus-Peter Kehr verantwortlich ist. Der Opernintendant gehört zu den wenigen bescheidenen, zurückhaltenden Vertretern seines Berufs. Doch hartnäckig verfolgt er seine Ziele. Nicht alle in der Stadt wollen ihm darin folgen. Wer es tut, wird reich belohnt. In der Spielzeit 2012/13 glänzte Mannheim vor allem mit der ersten vollständigen Aufführung von Weinbergs «Der Idiot» und mit Wagners «Ring», neu inszeniert von Achim Freyer. In der Rubrik «Opernhaus des Jahres» steht Mannheim auf Platz zwei.

Jahrzehntelang hatte das Nationaltheater Mannheim ein klar umrissenes, man könnte auch sagen: ein eng umgrenztes, trotzdem weit ausstrahlendes Profil. Mannheim war die Stadt eines gediegen gepflegten Wagner-Kults. Weniger wegen szenischer Neuerungen als wegen der musikalischen Stabilität. Horst Stein, ab 1963 für sieben Jahre Musikchef, nannte Bayreuth gern den «TÜV». Bei den Festspielen wurden Sänger und Orchestermusiker auf den neuesten musikalischen Stand gebracht. Von dort konnten sie wieder in die große weite Wagnerwelt ausschwärmen.

Fit gemacht für den «TÜV» aber wurden viele von ihnen in Mannheim. Horst Stein ist nur einer von vielen Mannheimer Generalmusikdirektoren, die als Wagner-Dirigenten bekannt wurden. Karl Elmendorff, Peter Schneider und Hans Wallat sind andere. Donald Runnicles, der heutige GMD der Deutschen Oper Berlin und dorthin engagiert wegen eines «Ring»-Dirigats, hat in Mannheim als Korrepetitor angefangen. Hans Adomeit, lange Solo-Cellist und Hochschulprofessor in Mannheim, saß auch im verdeckten Bayreuther Graben am ersten Pult. Wenn Siegmund und Sieglinde sich im ersten Akt der «Walküre» scheu und begierig begegneten, gab er den Ton an. Die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2013
Rubrik: Opernhaus des Jahres, Seite 12
von Stephan Mösch / Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Die Willensstarke

Sie weiß genau, was sie will, jettet von einem prestigeträchtigen Opernhaus zum nächsten, und ihre silbrigen Spitzentöne sprudeln wie ein quicklebendiger Quell: Auf den ersten Blick scheint die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan die gängigen Eigenschaften einer veritablen «Diva» zu besitzen. Ihr deshalb Allüren zu unterstellen, wäre indes unfair. Eine Diva...

«Ich bin der Schamane»

Kunst macht Arbeit. Allein der Probenaufwand, der hinter Dietmar Schwarz’ gelungenem Berliner Intendanz-Auftakt mit dem «Mädchen mit den Schwefelhölzern» steckte, verrät, weshalb die zweite Saison abfallen musste: «An der Deutschen Oper hatten wir 75 Proben für das Stück!», erzählt Dirigent Lothar Zagrosek. Eine Haupt- und Staatsaktion! Zum Vergleich: «Für ‹Don...

Opernhaus des Jahres

Gleich im ersten Intendantenjahr hat Barrie Kosky es geschafft, der Komischen Oper Berlin seinen Stempel aufzudrücken: Bunter, hipper, vitaler ging es in der Saison 2012/13 an keinem anderen Opernhaus der Hauptstadt zu. Von Monteverdi bis zu Neuwirth, vom Mozart-Kino bis zur deutsch-türkischen Kinderoper und Operettenrevue. Ein programmatisches Bekenntnis: Am...