Zwischen den Zeiten

Danzig ist heute mehr denn je ein mentaler Raum, in dem sich die Zeiten durchdringen. Was kann ein Opernhaus dort bewirken? Und wie? Und was ist eigentlich mit der Waldoper von Zoppot, die vor genau hundert Jahren eröffnet wurde?

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Vor Danzigs neuester und bewegendster Sehenswürdigkeit halten keine Touristenbusse. Überhaupt kommen kaum Leute dorthin. Vor den Wällen der alten Stadtbefestigung, eingekeilt zwischen Busbahnhof und Stadtautobahn, liegt der «Friedhof der nichtexistierenden Friedhöfe». Ein kleines Stück Ruhe inmitten des Verkehrsgetümmels. Buchen und Eichen, dazwischen Steinsäulen, die aussehen wie geborstene Baumstämme. Nur angedeutete Gräber. Überreste alter Grabsteine stützen eine symbolische, große Granitplatte im Zentrum.

Respektvoll wird hier erinnert an all diejenigen, deren Namen kein Grabstein nennt. Ein Versöhnungs- und Vergebungsversuch zwischen Generationen, Religionen, Kulturen. Ein Blick zurück in die Geschichte der Stadt und einer nach vorne – ein dezenter Blick, illusionslos und doch hoffnungsvoll.

Man kann in Danzig (polnisch: Gdansk) nicht einfach in die Oper oder ins Konzert gehen, ohne das, was war, mitzudenken. Die Geschichte schwingt überall mit. Sie ist Architektur und Sozialstruktur. Sie steckt in kleinen Blicken und großen Straßenzügen. Ihre tausend Jahre haben sich eingraviert in Gebäude und Gedanken. Danzig, das ist heute mehr denn je ein mentaler Raum, in dem sich die ...

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Opernwelt September/Oktober 2009
Rubrik: Reportage, Seite 68
von Stephan Mösch

Vergriffen
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