Zerbrochene Worte

Zweimal «Pierrot lunaire»: An Berlins Komischer Oper brilliert Dagmar Manzel mit Ausdruckskraft und Authentizität, in Hamburg sorgt allein Kent Nagano im Graben für poetische Augenblicke in Schönbergs Monodram

Opernwelt - Logo

Kein Mond, nirgends. Das Universum ist schwarz. Und doch schwebt das ferne, dabei so nahe menschengesichtsgleiche Gestirn über allem, was die Muse dem Dichter eingab, was sein Gefühl durchflutet. Immer wieder ruft Pierrot, fantastische Gestalt im Weltinnenraum, diesen nächtig todeskranken Planeten an, der da auf des «Himmels schwarzem Pfühl» wohnt und dessen Blick, «so fiebernd übergroß», ihn bannt «wie eine fremde Melodie», die aus seinem Kopf nicht weichen mag.

Ach, Pierrot lunaire! Mondsüchtiges Subjekt!

Bis heute üben Albert Girauds (von Otto Erich Hartleben kongenial ins Deutsche übertragene) Verse eine ungebrochene Faszination aus, vielleicht gerade deswegen, weil man sich in dieser surreal-symbolistischen Traumlandschaft so ungemein frei bewegen kann; und ebenso, weil Arnold Schönbergs Melodram, das 21 der 51 Gedichte vertont, in seiner Mischung aus Transparenz und Transzendenz so wunderbar die Stimmung jener Zeit beschreibt, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, als das modrige gesellschaftliche Klima des Fin de Siècle, ja, der Verdruss am Dasein selbst so eigentlich wache Geister wie Thomas Mann dazu verführte, den Krieg, gleichsam als Verkörperung des Prinzips einer erhabenen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Unvereinbare Welten

In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte. Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin,...

Varieté sans vérité

In seiner Begrüßungsrede versprach Barrie Kosky dem Publikum «zweieinhalb Stunden vollkommenen Blödsinns» – womit seine Inszenierung beinahe erschöpfend umschrieben ist. General Bumm und die adligen Kretins am Gerolsteiner Hof turnen im kugelrunden Distanzdress über die leere Bühne, die Slapsticks sind auch nicht durchweg haute couture, sondern oft von der Stange,...

Märchenhaft

Der Wiener Jugendstil, so hat es Nike Wagner einmal poetisch und zutreffend formuliert, sei die «Kunst der Träumerei entzügelter Nerven». Symptomatisch für diese Zeit steht Alexander Zemlinskys Oper «Der Traumgörge» von 1907. Dessen Titelheld ist ein Träumer, der sich in Bücher versenkt und seine lebenslustige Braut Grete lieber dem bodenständigen Hans überlässt....