Wohin mit dem Kaiser?
Erst steht er in Socken da, der Ex-Soldat. Später, wenn die Fronleichnamsprozession durch Brügge zieht und plötzlich zu einer Art Totentanz mutiert, gibt er den Zeremonienmeister im Frack. Doch am Ende geht er, geläutert und aufgeräumt, ganz normal von der Bühne. Das Schicksal von Paul könnte der Romantik entstammen: der Träumer, der seine tote Frau herbeiwünscht und in der Tänzerin Marietta ihr Ebenbild zu erkennen glaubt, sich in sie verliebt und dabei in eine Welt der Träume und Fantasien verliert.
Tilo Reinhardt hat Korngolds «Tote Stadt» für das Musiktheater im Revier auf die Bühne gebracht: eine stimmige, nie spektakuläre und trotzdem zeitweise packende Inszenierung. Zwar hätte man sich die Personenregie an einigen Stellen pointierter vorstellen können, unter dem Strich jedoch gelingt Pauls seelische Odyssee stimmig. An diesem positiven Befund hat das von Wilfried Buchholz entworfene Bühnenbild entscheidenden Anteil: Die beiden Sphären von Pauls Privatsphäre und der fantastisch-irrealen Stadt stehen bewusst nebeneinander, werden aber gelegentlich subtil miteinander verwoben. Brügge erscheint hier wie das Venedig Thomas Manns: als kränkelnde Welt, in der sich Realitäts- und ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Der Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli gehört heute zu den meistbeschäftigten Ausstattern des Musiktheaters. Ausstatter – dieser Begriff trifft vielleicht am besten das ästhetische Credo des gebürtigen Zürichers. Werkbezogene visuelle Opulenz war ihm stets wichtiger als der interpretatorische Überbau. Nach Studien- und Lehrjahren in seiner Heimatstadt...
Wandernde Produktionen sind das tägliche Geschäft einer Landesbühne. Doch Wagners «Ring» im Gepäck? Geht das? Das Landestheater Detmold geht damit ein singuläres Projekt an, das an den europaweit mit Sonderzügen auf die Reise geschickten «Ring» Angelo Neumanns in den 1880er Jahren denken lässt, ohne dass damit ein Vorbild oder gar ein Vergleichsobjekt benannt wäre....
Ja, 1927 war es leicht, einen klaren politischen Standpunkt einzunehmen. Als Kurt Weill und Bertolt Brecht ihr «Mahagonny-Songspiel» schrieben, hatte die kommunistische Utopie noch nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt, und es war genau auszumachen, wo der Feind stand. Fast mochte man meinen, Franck Ollu und das Ensemble Modern wollten zur Eröffnung des 18....
