Wer sieht hier alt aus?

Louis Andriessens «La Commedia» und Nico Muhlys «Two Boys»

Ein Gesamtkunstwerk? Ja, schon. Aber ohne den Willen zur Überwältigung. Ohne Erlösungszauber. Eher eine Mischung aus Musikzirkus, Orchesterparade, Singsprechtheater. Eine spielerische Show zwischen Bach, Brecht und Broadway, Dantes «Göttlicher Komödie» und Vergils «Aeneis». Ein Trip zwischen Kantate, Kirmes und Kino. Natürlich kennt Louis Andriessen auch seinen Wagner. Und ein klitzekleines bisschen darf der sogar mitmischen in seiner «Commedia», jener aus fünf Tableaus montierten «Filmoper», die 2008 in Amsterdam zum ersten Mal komplett aufgeführt wurde.

Oder kommt es uns nur so vor, wenn zum Ende des ersten Teils («The Ship of Fools») nach Straßenklängen, dichten Bläsertexturen, blockhaften Klavierakkorden, von Messiaen abgelauschten Melismen und Bigband-Sounds die Streicher hoch über den Wolken eine ersterbende Sehnsuchtslinie ziehen?

Aus dem schrägen Marsch durchs «Inferno» im zweiten Abschnitt spricht sie erst recht: die (Selbst-)Ironie eines Komponisten, der hier zwar lauter letzte Dinge verhandelt, aber sich deshalb noch lange nicht das Lachen verbietet. Zum Thema «Lucifer» lässt er es knistern und rauschen, das Asko/Schönberg Ensemble schnauft, die Choristen von Synergy ...

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Opernwelt Februar 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Albrecht Thiemann

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