Wenn Bilder erzählen
Bevor der erste Ton des «Rheingold»-Vorspiels aus dem Orchestergraben heraufbrummt, gehört die Bühne des Weimarer Nationaltheaters den Kindern. Drei Mädchen in adrett karierten Sonntagskleidern haben Regisseur Michael Schulz und sein Dramaturg Wolfgang Willaschek den Beginn der Tetralogie anvertraut. Mit giftgrünen Drachen-Handpuppen erzählen sie sich die Geschichte, so wie sie Wagner in seinem ersten Entwurf 1848 festhielt – den Unschuldigen ist selbst diese vor Verrat und Habgier triefende Geschichte nur ein harmloses Märchen. Kinder sind sozusagen das Leitmotiv.
Jeden Abend eröffnen sie den Weimarer «Ring»: die im Geiste ihrer Väter gedrillten Zöglinge Wotans und Alberichs in der «Walküre», der sich selbst überlassene junge Siegfried, der sich zu den Klängen des Vorspiels mit seinem Sagenbuch auf dem Boden lümmelt, und schließlich die verwahrlosten Kids der «Götterdämmerung», die nur noch verständnislos den Vorträgen der Nornen-Omis lauschen. Die schöne Grundidee spiegelt den jeweiligen Zustand der «Ring»-Gesellschaft: Jedes System zeigt seinen Charakter eben doch am deutlichsten in seinen Kindern, und wenn sich am Ende die unterdrückten Frauen des Gibichungen-Volks von einem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es ist schon fast eine betriebliche Übung in den Medien unseres Landes: Je näher es auf die Bayreuther Festspiele zugeht, desto niedriger ist die Hürde, die eine Nachricht überspringen muss, um eifrig publiziert zu werden. Da wird schon einmal vermeldet, dass Katharina Wagner privat mit Holz-Pellets heizt. Aber es gab auch Wichtiges wie den ersten Warnstreik der...
Dass «Der fliegende Holländer» erst ab 1901 in Bayreuth gespielt wurde, ist kein Zufall. Wagner wollte das, was er als Entwicklung von der Oper zum Musikdrama erstrebt und erkämpft hatte, keineswegs zurückdrehen. Als Nummernoper hatte der «Holländer» wenig mit dem später avisierten Gesamtkunstwerk zu tun. Wenn Wagner mehr Zeit geblieben wäre, hätte er alle seine...
Herbstlaub, Asche, Staub. Acht betongraue Himmelstürme ragen in den Schnürboden. Bleischwer ist die Luft, von den Klagelauten aus den Büchern Jesaja und Jeremia und vom Gehämmer der Trümmerfrauen. Alles schmeckt hier nach Apokalypse, nach Endzeit – die Sprache, die Geräusche, die Musik, der Raum. «Am Anfang» hat Anselm Kiefer seine Installation für die Pariser...
