Weil sie es einfach tun muss

Geistreich, gewitzt und auf der Bühne ein Großereignis: Vera Lotte Boecker ist «Sängerin des Jahres». Eine Hommage

Opernwelt

Gewaltig, dieses Monument des katholischen Glaubens, gewaltig und furchteinflößend wie eh und je. Was ja auch so sein soll. Dieser zweibeinige Wolkenkratzer besitzt eine gleichsam erweiterte Kontingenz, eine weiter, höher hinaus reichende heilig-metaphysische Ausstrahlung.

Nicht die profane monetäre Macht, die in den Himmel ragenden Türmen für gewöhnlich innewohnt, findet darin ihren Ausdruck, sondern die Magie des Glaubens – an jenen Herrn, der über den Wolken thront und sich vermutlich manchmal wundert, was «die Krone der Schöpfung» (boshafter Benn’scher Zusatz: «das Schwein») da unten alles so treibt, Sinniges wie Unsinniges, Gutes wie Böses. Tausende von Touristen schwärmen auch an diesem heißen Sommertag um den Kölner Dom herum, auf der Suche nach Bildern, nach Eindrücken, nach emotionaler Überwältigung. Eine Gesellschaft der Singularitäten, die sich vereint zu einem Wimmelbild mit relativ hohem Symbolcharakter. 

Einen Steinwurf entfernt, im Garten des Hotels Excelsior, ist das Bild konkreter. Eine junge Frau im blassroten Sommerkleid, zierlich, zart, der liebe Gott hat bei der Verteilung der Schönheit vermutlich länger als nur eine Sekunde lang an sie gedacht, doch schon der erste Blick aus kugelgroßen braunen Augen verrät etwas, das weit darüber hinaus geht: Offenheit verrät er, Direktheit, Neugierde. Noch weiß ja die junge Dame mit dem leicht schnoddrigen norddeutschen Akzent (den sie als Rheinländerin eigentlich gar nicht haben dürfte, aber es ist so, wie es ist) nichts von ihrem Glück, ahnt es nicht einmal. Und als die Neuigkeit dann raus ist, mit der sie nicht in ihren kühnsten Träumen gerechnet hatte, lacht sie erst einmal aus vollem Herzen, schaut den Besucher dann aber so sorgenvoll-skeptisch an, als hätte der ihr gerade ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt. Allein, die Fakten liegen auf dem Tisch. Vera Lotte Boecker ist zur «Sängerin des Jahres» gekürt worden, daran führt jetzt kein Weg mehr vorbei. Und auch nicht an der Frage, ob nicht vielleicht ihre Eltern, als sie diesen Bullerbühaften doppelten Vornamen (ohne Kopplung) auswählten, womöglich zwei Werke der Weltliteratur im Auge hatten: Franz Werfels Roman «Eine blassblaue Frauenschrift» und Thomas Manns «Lotte in Weimar». Letzteres, sagt sie, stimmt. Die Mutter war ein glühender Mann-Fan – und hat diese Liebe auf die Tochter übertragen, wobei wir uns nicht darauf einigen können, ob «Doktor Faustus» (ihr Favorit) oder doch eher «Der Zauberberg» (unser Favorit) auf dem Siegerpodest stehen. Schon schwieriger wird es mit dem ersten Vornamen. Nein, es ist nicht Vera Wormser, die jüdische Ex-Geliebte des Wiener Sektionsrates Leonidas, dem sie 1936 zu dessen 50. Geburtstag einen Brief schreibt, aus dem hervorgeht, dass er möglicherweise damals, vor mehr als 18 Jahren, als sie einander in den Armen lagen, seinen Beitrag zur Zeugung eines (folglich «halbjüdischen») Jungen «geleistet» habe. Ihr Vater, erzählt Vera Lotte Boecker, sei ein großer Liebhaber der lateinischen Sprache gewesen und ihr erster Vorname dem Wort «veritas» abgelauscht: Wahrheit. 

Und wenn sie auch zugibt, keine Werfel-Expertin zu sein, eines wird rasch deutlich: Die Literatur hat in ihrem Leben eine bestimmende Rolle gespielt. Als Kind und Jugendliche («es war keine leichte Zeit») hat die gebürtige Brühlerin alles verschlungen, was in der heimischen Bibliothek zu finden war. Darunter, neben Montesquieu, Montaigne und Maupassant, die deutsche Nachkriegsliteratur von Grass, Böll und Lenz (keiner von ihnen hat wirklich ihr Herz erobert) natürlich ebenso wie die großen Romane der russischen Großmeister Tolstoi und Dostojewski (mit leichten Vorteilen für Dostojewski) und die Dramen Shakespeares, Tschechows, Becketts (keine Frage, wer auf dem Thron sitzt: Shakespeare); ferner die Schauspiele Goethes und Schillers (deutlicher Punktsieg für Goethe), dazu Romane von Thomas Mann und Robert Musil (unangefochtener Sieger: Mann) sowie die Schriften von Camus und Sartre (klarer Vorteil für Sartre), Erbauliches von Foucault und Derrida (natürlich Foucault!) – und irgendwann natürlich auch Heiner Müller (dem sie den Vorzug vor dem anderen bedeutenden Dramatiker der DDR, vor Peter Hacks, nur deswegen nicht gewährt, weil Hacks für sie bis heute relativ unbehaustes literarisches Gebiet ist; aber das will sie nachholen, die Wissbegierige). 

Ein geistreich-kesses, klug-gewitztes, energiegeladenes «Menschenkind» also sitzt da auf dem weißen Sofa, extrem reflektiert, offen für (fast) alles, neugierig und staunend in die Welt schauend, mit einer klaren Weltanschauung, die sich aber nie ins Dogma flüchtet, sondern alles, was da ist (um es mit Heidegger zu sagen), aufsaugt. Ja, man könnte sagen, dass Vera Lotte Boecker keine typische Sängerin ist. Sie kommt von einem anderen Ort, aus einer anderen Sphäre, und obwohl Singen für sie immer das Natürlichste war, ist es nicht zugleich auch das Wichtigste; das Leben bietet mehr. Doch der Reihe nach. 

Nach dem Abitur geht sie nach Düsseldorf, studiert dort Literatur und Philosophie. Das Singen kann warten. Die Fakultät in der Rheinmetropole überzeugt sie aber bald schon nicht mehr. Also auf nach Berlin, ins Traum-, Kulturund Wissenschaftszentrum, unter anderem Sitz der Humboldt-Universität, an der schon ein gewisser Georg Wilhelm Friedrich Hegel lehrte. Der Geist dieses bedeutenden Mannes, sagt sie, sei nach wie vor spürbar, die Professoren und Dozenten seien fantastisch gewesen. Vor allem einen hebt sie heraus: Markus Wild, bei dem sie Vorlesungen hörte, und der sie eines Tages, als er von der Gesangsleidenschaft der leidenschaftlichen jungen Studentin erfuhr, fragte, warum sie dann nicht diesem erklärten Wunsch nachginge; es sei diese doch wohl mehr als ein Berufswunsch. Eine Berufung. 

War es, ist es noch heute. «Ich musste einfach singen», sagt Vera Lotte Boecker – und fügt sogleich hinzu, dass das natürlich unglaublich kitschig und aufgetragen klinge. Aber so sei es eben. Also legte sie die analytische Philosophie des 20. Jahrhunderts (mitsamt Wissenschaftseinfluss und Erkenntnistheorie) erstmal zur Seite und vertiefte sich in Klavierauszüge von Opern. Eine komplett andere Welt, eine andere Form der Mitteilung. Doch es gerät wohl niemandem zum Nachteil, wenn er die Worte, die er singt, auch versteht, wenn er imstande ist, ihren Unter- und Überbau zu durchdringen. Nur an der Musikhochschule «Hanns Eisler» sah man das etwas anders. Schon ihre Aufnahmeprüfung sei eine Herausforderung gewesen. Sie kam, wie sie kam: im schwarzen Schlabberpulli, in schwarzer Jeans, schwarzen Schuhen, ein bisschen das Schmuddelkind aus dem Kiez. Und nun das: lauter Ballroben mit jungen, adretten, frisierten Damen darin: festgezurrt und höfisch gepudert gewissermaßen. An all die irritierten Blicke, die man ihr, der «Fremden», Andersaussehenden, zuwarf, erinnert sich Vera Lotte Boecker noch heute (wiewohl längst augenzwinkernd). Die Prüfungskommission ließ sich von derlei Äußerlichkeiten nicht ablenken. Die Kandidatin wurde aufgenommen und landete in der Klasse von Thomas Quasthoff. «Ein kluger Mensch, ein toller Künstler», sagt sie. Allerdings mit einer Abneigung für Ideale, die irgendwie philosophisch grundiert waren. Sie müsse sich einzig und allein auf den Gesang, auf ihre Stimme konzentrieren, sagte Quasthoff, sonst würde das nichts werden. Nun ja, wo der Mensch nach Wahrheit strebt, da irrt er eben auch zuweilen. 

Vera Lotte Boecker wechselte an die Universität der Künste, wechselte mehrfach den Lehrer, die Lehrerin; später ging sie nach Kopenhagen (und Kierkegaard? Ihm wird der Zutritt zum Philosophen-Olymp verwehrt, zu sehr sei dieser Denker durch den schriftstellerischen Habit determiniert). Die Stimme wuchs, das Selbstvertrauen, die Ahnung, dass es doch etwas werden könne mit dem Singen. 

Wurde es auch. Am Nationaltheater Mannheim erhielt die Sopranistin ihr erstes Festengagement. Aber nicht allein durch ein Vorsingen vor Ort, weit gefehlt. Erst musste sie bei der «Zentralen Arbeitsvermittlung» (ZAV) einige Töne von sich geben, bevor man sie auf die «große» Bühne ließ. Sie findet diesen Start ins Berufsleben noch in der Rückschau «wunderbar». Und betont mehrfach glaubhaft, dass es ihr eigentlich bis heute ziemlich egal ist, an welchem Haus sie singt. Die Rolle, die sie singt, das ist es, was sie interessiert, was sie antreibt. Und je schwieriger diese Rolle ist, je widersprüchlicher und abgründiger, desto besser geeignet, um sich darin hineinversetzen zu können. Wer sie als Nadja in Georg Friedrich Haas’ Musiktheater «Bluthaus» an der Bayerischen Staatsoper in München oder als Fusako in Hans Werner Henzes Mishima-Vertonung «Das verratene Meer» an der Wiener Staatsoper gesehen hat, versteht sofort, dass sie das nicht nur so dahinsagt. Das meint sie so. Und das lebt sie auf der Bühne so. Dazu gleich mehr. 

Mannheim ist eine kurze Station, ein Übergang, mehr nicht. Auch eine ehemalige Studierende der Literatur und Philosophie strebt nach «Höherem», wobei dieses «Höhere» einfach die jeweils attraktivere Partie meint. Die Donna Anna aus Mozarts «Don Giovanni» beispielsweise empfindet Vera Lotte Boecker als weitaus interessanter (vokal wie darstellerisch) als eine Zerlina. Mannheim bot ihr Zerlina, die Komische Oper Berlin Donna Anna. Also weiter. Oder besser: wieder zurück in die bundesdeutsche Kapitale. Zweites Festengagement. Barrie Kosky will mit ihr arbeiten. «Ein großer Theatermann. Und ein Genie in der Komödie.» Wobei nicht nur Vera Lotte Boecker in Weinbergers «Frühlingsstürmen» ein bisschen mehr Ernst und Tiefe vermutet, als es Kosky in seiner putzmunteren Inszenierung anbot. Doch das sind Geschmäcker. Meinungen. Das ist Diskurs. 

Der Diskurs ist wichtig für sie. Und Diskurs meint auch: Debatte, Streit, Konflikt. Sie geht dem nie aus dem Weg, sagt Vera Lotte Boecker, sie kann gar nicht anders. Wer (erfolgreich und mit Hilfe von selbstgedrehten Zigaretten und schwarzem Kaffee) Kant gelesen hat und dessen drei bis vier Fragen einmal wirklich mit allem gebotenen Ernst gestellt hat, wer sich (erneut mit Kaffee und Zigaretten, nur nicht ganz so erfolgreich) durch das Hegel’sche Dickicht hindurchgebohrt hat («Hegel ist irgendwie nicht greifbar, er geht beinahe ins Mystische»), der nimmt die Dinge und Erscheinungen des Lebens nicht mehr einfach so hin. Der denkt darüber nach. Und fragt nach, auch wenn es zuweilen unbequem ist. 

Ihrer Karriere habe das sicher geschadet, sagt sie. Aber es hat sie zugleich auch auf dem Boden gehalten. Sie braucht, symbolisch gesprochen, kein Brokatkleid (das sie einmal, zu einem Vortragsabend in der «Hanns Eisler» trug, weil sie dachte, es sei nötig – war es aber dann doch nicht), sie strebt nicht nach Glamour, sie begibt sich lieber auf die Suche nach dem Charakter, den sie gerade auf der Bühne gibt, imitiert, «zeigt» oder der sie sogar «ist». Man konnte das schon bei ihren Arbeiten an der Komischen Oper Berlin, beispielsweise bei der Violetta in «La traviata» oder auch bei der Autonoe in Henzes «Bassarids» erleben, wie sehr sie sich in die (künstliche) Welt der Figuren hineinbegibt, ohne ihre eigene Identität aufs Spiel zu setzen. Oder, die gleiche Rolle (Autonoe) in Salzburg, wo Krzysztof Warlikowski erbarmungslos in die menschliche Psyche hineinblickte und zugleich ein Grand Guignol auf die Bühne zauberte: Das hatte einfach Format, Kontur, Tiefe, Temperament. Die Inszenierung wie ihre Ausgestaltung der Rolle. Und führte, als hübschen Nebeneffekt, Vera Lotte Boecker mit einer Sängerdarstellerin von hohen Gnaden zusammen, von der sie nach eigenen Worten «viel gelernt» hat: Tanja Ariane Baumgartner. 

Betrachtet man für einen Augenblick beide Frauen nebeneinander und vergegenwärtigt man sich einige ihrer Rollenporträts, fällt die Ähnlichkeit (fast möchte man sagen: Seelenverwandtschaft) relativ schnell auf. Sowohl Baumgartner als auch Boecker besitzen dieses besondere Etwas, das nur wenigen Sängerinnen eignet, diese (auch vokale) Fähigkeit zur scheinbar nebensächlichen Nuance, zur minimalen Verwandlung, zum Sublimen und – Subversiven. Die Fusako von Vera Lotte Boecker in der Wiener Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito etwa erinnert in dieser Widerständigkeit und Widerspenstigkeit durchaus an jene Penthesilea, die Tanja Ariane Baumgartner vor Jahren in Hans Neuenfels’ grandioser Basler Inszenierung von Schoecks Oper «verkörperte». Eine Frau im Kampf mit der (Männer-)Welt. Aber ein wenig auch mit sich selbst. 

Was hilft? Yoga hilft. Genauer: Kriya-Yoga. Das sei, erläutert die Sängerin und Yoga-Lehrerin (aber nur für Kolleginnen und Kollegen), eine spezielle Meditationstechnik. Und weit mehr «als eine Dehnübung im Schneidersitz, mit Pluderhosen und Rauchstäbchen». Yoga und damit verbunden der Geist des Buddhismus, seine Klugheit, seine philosophische Grundierung und seine Kunst, über Jahrhunderte (und weit vor dem Königsberger König und noch weiter vor Friedrich Hölderlins Hyperion) die vierte Kantische Frage zu stellen («Was ist der Mensch?»), bildet in ihrem Leben einen überaus bedeutsamen Eckpfeiler. Sie weiß, dass manche Menschen darüber schmunzeln. Aber über diese Menschen, die schmunzeln, kann sie eben auch nur schmunzeln. Weil das Klischee, was und wie Yoga sei, derart fest in deren Köpfen verschraubt ist, dass sie die Geisteshaltung und den wissenschaftlichen Anspruch dahinter erst gar nicht sehen wollen (oder können). Ihr selbst verschafft Yoga ein Gefühl von (kontemplativer) Entspannung, das auch und nicht zu wenig auf ihren Gesang abfärbt. Eine Geschichte dazu? Gerne. Es war in Wien, im Vorfrühling. Am Abend sollte die Sopranistin erstmals die «Rigoletto»-Gilda singen. Es gab coronabedingt nur eine halbe Bühnenorchesterprobe (BO), und dies bei einer solch anspruchsvollen Rolle. Sie bekam das, was man im Volkston sehr salopp «Muffensausen» nennt. Um es zu unterdrücken und um den Körper frei von diesem unschönen Druck zu bekommen, wandte sie eine bestimmte Klopftechnik an. Und siehe (respektive höre) da: Es funktionierte. Das Publikum in der Wiener Staatsoper («ohnehin eines der besten, kenntnisreichsten und emphatischsten weltweit») feierte sie. Und Vera Lotte Boecker ging, nunmehr mit klopfendem Herzen, von der Bühne. 

Überhaupt Wien. Erstmals spürt sie dort so etwas wie Heimat. Zu oft musste sie vorher Umzugskisten ein- und auspacken, ein neues Dach über dem Kopf finden und einrichten, sich an die äußeren und inneren Umstände anpassen. Und natürlich hat sie sich dabei fortwährend die Frage gestellt, was eine gute Sängerin ist und wie sie selbst eine solch gute Sängerin sein kann. Seit einiger Zeit weiß sie es: «Eine gute Sängerin oder ein guter Sänger ist für mich niemand, der Perfektion abliefert, sondern jemand, der wagemutig mit allem ist, was er kann, und mit diesem Wagemut in jede Vorstellung geht und die Risiken nimmt.» 

«Bluthaus» in München war, was das angeht, ein Grenzfall. Sie alle, sagt Vera Lotte Boecker, seien an die Grenze des Möglichen, des Erträglichen gegangen, und nicht selten auch darüber hinaus. Wäre nicht Claus Guth gewesen, dieser feinsinnige, einfühlsame und ungemein (menschen-)kluge Regisseur, sie hätten das womöglich nicht ausgehalten: die Härte des Stoffes, die dispositionellen Herausforderungen, diesen Griff an den Hals der Psyche. Guth habe das gespürt und ihnen manchmal einen Abend freigegeben, zur Rekreation, zum Durchpusten, um sich abzulenken, um auf andere Gedanken zu kommen. Doch selbst das konnte nicht verhindern, dass sie in einer der letzten Orchesterhauptproben mit Bauchkrämpfen zu kämpfen hatte und kurz davor war abzubrechen. Da half nun auch kein Yoga mehr, da half nur die grundsätzlich gesunde Konstitution und ein Quäntchen Glück. Hinterher, erzählt Vera Lotte Boecker, seien ungewöhnlich viele Kolleginnen und Kollegen bei ihr gewesen, das habe enorm geholfen. Und selbst ein zurückhaltender Künstler wie Bo Skovhus sei mit seiner «versteckten Herzlichkeit» eine Stütze gewesen. 

Ohnehin verbindet sie einiges mit diesem Ausnahmesänger. Schon im «Verratenen Meer» hatten sie zusammengearbeitet, nun wieder im «Bluthaus». Und auch auf den nächsten Berg klettert Vera Lotte Boecker gemeinsam mit dem dänischen Bariton-Kraftpaket. «Lulu» lautet das Zauberwort. Wieder so eine extreme Rolle. Erneut eine Frau, der man schlimme Dinge angetan hat, antut, antun wird. Doch gerade deswegen zählt Vera Lotte Boecker diese Partie – neben Daphne (die sie allerdings erst 2023 an der Berliner Staatsoper singen wird) und Violetta – zu ihren drei liebsten. Schon als Jugendliche hat sie Wedekinds Drama gelesen, mit etwas Abscheu, aber auch mit einer gewissen Faszination. Dann, später, in Kopenhagen als sie Alban Bergs «Lulu» sah und hörte (in der, wie nicht nur sie findet, großartigen Inszenierung von Stefan Herheim), war es um sie geschehen. Die Musik dieser Oper, sagt sie, sei einfach fantastisch und so tröstend. Sie gebe der Figur etwas hinzu – Hoffnung, Würde, Schönheit. Vielleicht sogar eine Spur Utopie. Und nebenbei die Gewissheit, dass Nacktheit nicht gleich Nacktheit ist. Die Hauptdarstellerin Gisela Stille trug einen Ganzkörperanzug, der so aussah, als sei sie nackt. Damit fielen die vielen Momente, in denen Lulu sich auszieht, weg, die Figur besaß eine ganz andere, verletzlichere Kontur, und genau das habe diesen Abend ausgezeichnet und der Titelfigur jenen Charakter eingeschrieben, der sie zum obskuren Objekt der Begierde anderer machte. «Die war viel nackter als nackt!» 

Im Mai 2023 ist es so weit. Dann wird Vera Lotte Boecker auf die Bühne des Theaters an der Wien treten (respektive: auf die Bühne des Museumsquartiers, der nahegelegenen Ausweichspielstätte des Opernhauses seit Beginn dieser Saison) und an der Seite von Bo Skovhus als Dr. Schön und anderen famosen Sängerdarstellern und Sängerdarstellerinnen ihr Lulu-Debüt geben. Und vermutlich wird sie wieder so tief in die Rolle eintauchen, dass sie uns damit beglückt: mit ihrer eindrücklichen, metallischen, hellen Sopranstimme und mit ihrer unvergleichlichen Gabe, die Abgründe der Seele, die auch und gerade dieser (Frauen-)Figur innewohnen, auf die Bühne zu zaubern. Und wer an diesem Abend zufällig durch die Gänge stromern sollte und Klopfgeräusche vernimmt, sollte nicht denken, eine Gruppe von Apachen sei in die kakanische Hauptstadt eingeritten. Es ist unsere «Sängerin des Jahres», die sich auf Brust, Hals und Schultern klopft. 


Opernwelt Jahrbuch 2022
Rubrik: Sängerin des Jahres, Seite 18
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Purpurschimmer der Romantik

Kein anderer Schriftsteller ist auf der Opernbühne so präsent wie E.T.A. Hoffmann, aber nicht mit einem eigenen Werk, sondern als Titelheld von Jacques Offenbachs doppelbödiger Opéra fantastique «Les Contes d’Hoffmann», die zu den populärsten Stücken des Musiktheaters gehört. Den wenigsten Zuschauern dieser genial doppelbödig zwischen Fantasie und Realität angesiedelten Oper dürfte...

Träume von mehr bis minder machtfreien Theatern

Frau Meyer, Sie saßen acht Jahre lang als einzige Frau in der deutschsprachigen Opernkonferenz, dem Verbund der großen Opernhäuser in Deutschland, der Schweiz und Österreich. An was fühlten Sie sich mehr erinnert: an Herbert Grönemeyers gesungenes Diktum, Männer seien einfach unersetzlich? Oder doch, paraphrasierend an Heine: Denke ich an Opern-Deutschland in der Nacht, bin ich um den...

Der geteilte Himmel

Die Musik, so hat es, überaus sinnfällig, Claude Debussy einmal notiert, sei für das «nicht Auszudrückende» geschaffen, also im Kern für das, was man mit Worten kaum oder gar nicht mehr sagen könne. Diese Sentenz war dem Moralphilosophen und Musikologen Vladimir Jankélévitch ein tieferes und ausgiebigeres Nachdenken wert, mit dem Ergebnis, dass er ein Buch schrieb, welches Debussys Bonmot...