Wahn in der Wanne
«O vin, discaccia la tristezza» – so kannten unsere Groß- und Urgroßeltern den Opern-Hamlet des Ambroise Thomas: als viril-stählernen «italienischen» Bariton im Höhenglanz. Vokal-Legenden wie Mattia Battistini und Titta Ruffo waren seine potentesten Inkarnationen. Seit den späten Siebzigern etablierte sich Sherrill Milnes allenthalben. «Ô vin, dissipe la tristesse.» Erst in der musiktheatralen Neuzeit setzte sich international die Erkenntnis durch, dass der rachebesessene Dänenprinz musikstilistisch ein Franzose ist.
Der deutlich in den Vordergrund gerückte Grad an innehaltender Reflexion wurde von Thomas Hampson wohl am eindrucksvollsten vor Ohren geführt. An ihn reichte jetzt im Elsass Stéphane Degout heran. Bei der Übernahme der Koproduktion mit Marseille debütierte er an der Opéra national du Rhin in Mulhouse in der Partie: eine Weltklassestimme – im Grunde lyrisch, gleichwohl zu größter Expansion fähig, ein auch in der Forte-Wallung weiches, wohlgerundetes Singen von phänomenaler Strahlkraft, obendrein ein potenter Schauspieler. Und dazu die Ophélie von Ana Camelia Stefanescu – eine vokal und physisch fragile Erscheinung, einer Tänzerin gleich, mit einem Jungmädchensopran, der ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Heinz W. Koch
Die Werkgeschichte ist so kompliziert wie die Zeit, in der Schostakowitschs Oper «Lady Macbeth von Mzensk» zur Welt kam. Nach der Premiere 1934 wurden im Folgejahr die ersten (Text-)Änderungen vorgenommen, bevor die Oper nach dem Prawda-Aufsatz «Chaos statt Musik» erst einmal auf dem Index landete und erst 30 Jahre später in einer von Schostakowitsch weiter...
Hannover hat mit den Herrenhäuser Gärten ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Seit einem Jahr soll ein neues Festival noch ein paar Zinsen mehr einbringen. Festwochen, Barockkonzerte, Musical- und andere Aufführungen im barocken Gartentheater gab es schon lange, und das populäre, regelmäßig überbuchte «Kleine Fest im Großen Garten» auch. Doch an der «Marke...
Zu den Grundvoraussetzungen ästhetischer Moderne gehört der Zweifel: an traditionellen Werten, Inhalten, Formen, Techniken, Materialien. Wenn Hegel lakonisch definierte: «Der Weg des Geistes ist der Umweg», dann meinte er genau dies: Direkt lässt sich nun einmal nicht zur Wahrheit – wie auch immer – gelangen. Die Entscheidung für den «Umweg» hat denn auch elementar...
