Hausmannskost

Wagner: Tristan und Isolde
Kassel | Staatstheater

Die Mythe lügt, meinte sinngemäß Gottfried Benn. Für Wagner-Regisseure übersetzt sich das in etwa so: Man kann alles machen, der mythologische Klempnerladen ist ein Vielzweckinstrument. Dem erfinderischen Erzählen bieten sich endlos viele Möglichkeiten, eine Fundgrube schon das Potpourri der angefangenen, abgebrochenen, fragmentierten Geschichten.

In Stephan Müllers Kasseler «Tristan»-Sicht beginnt es quasi abstrakt mit einem leeren Raum à la Wieland Wagner und monumental zwischen Statuarik und Echauffiertheit changierenden Personen.

Der sieche Tristan, der sich durch Schlücke aus der Mineralwasser-Pfandflasche erfrischt, scheint dagegen eher eine Hommage an Frank Castorf zu sein. Als szenische Eigeneingebung steuert Müller die halbkomische Obsession bei, Auftritte als Liftfahrten von der Unterbühne auf den glatten Bühnenboden vorzuführen. Auch Michael Simons Bühnenbilder finden zwischen Zeigefinger (leitmotivische Großprojektion des entfleischten Morold) und unverbindlich-vielsagender Dekoration (verschnürte Pakete vor erleuchtetem Rückprospekt in Akt zwei) keine stilistische Kohärenz. Hilflos gar der lange dritte Akt, angesiedelt in einem winzigen Fensterausschnitt in halber ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2018
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Hans-Klaus Jungheinrich

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kunst der Andeutung

Wenn man auf meinen Grabstein schriebe Hier ruht Francis Poulenc, der Musiker von Apollinaire und Éluard, so wäre das wohl mein schönster Ehrentitel», hat Poulenc einmal geäußert. Fast die Hälfte seiner 150 Lieder benutzt Texte der beiden großen Lyriker Guillaume Apollinaire (1880-1918) und Paul Éluard (1895-1952). Die Verbindung zwischen Wort und Ton ist dabei so...

Laborkitsch

In den 1990er-Jahren flutete die emblematisch unter ihrem Vornamen bekannte Isländerin Björk Guðmundsdóttir den westlichen Pop mit weltmusikalischen Spährenklängen. Eine große Sängerin ohne Schmelzstimme, ein Stilmodel ohne kurvige Ausstrahlung – und in summa bedeutender, als es die Fragilität dieser Frau suggeriert. Björk: charismatisch-ungreifbar, ein Phänomen,...

Aus dem Schatten

Oft gleicht die Musikgeschichte einem Sommer in südlichen Ländern: Es blendet die Sonne, die Schatten sind tief. Deutlich sieht man jene, die im Licht steh’n. Die im Schatten erkennt man erst, wenn das Auge sich ans Dunkel gewöhnt. Dies gilt wohl – seinem Namen völlig widersprechend – auch für den Komponisten Hans Sommer (1837-1922), der bereits am Ende seines...