VON EWIGER LIEBE
Dass Johannes Brahms’ Musik lange auch mit den Worten «grüblerisch, kühl, klangarm und voll allzu bedrückender Schwermut» charakterisiert wurde (so eine Wiener Rundfunkzeitung zu seinem 100. Geburtstag), ist vermutlich auch auf ein Urteil Friedrich Nietzsches zurückzuführen. In einer seiner bekannt bissigen Invektiven bezichtigte Nietzsche den Komponisten der «Melancholie des Unvermögens»: Brahms schaffe nicht nach der Fülle, sondern dürste nach ihr; er bediene die Sehnsüchtigen und Unbefriedigten.
Christoph Prégardien wird sich Derartiges selbst von einem renommierten deutschen Philosophen gewiss nicht sagen lassen wollen. Einer Beobachtung scheint er dennoch vorbehaltlos zuzustimmen: dass sich Brahms‘ Liedœuvre nicht geschmeidig in den Kontext romantischer Tradition fügte, sondern vielfach wie ein erratischer Block vom Himmel fiel – mehr einer sehnsüchtig gepflegten Vergangenheit verpflichtet als der Zukunft, dabei der volksliedhaften Tradition stets zugeneigt.
Das erste Album der geplanten Gesamtedition von Brahms-Liedern, bei dem Prégardien vorbildlich von Ulrich Eisenlohr begleitet wird, umfasst die zwischen 1864 und 1888 entstandenen Opus-Nummern 32, 43, 86 und 105 – wobei ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 35
von Gerhard Persché
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