Vom Wahnsinn gezeichnet
Nach einem Jahr Pause melden sich die Trierer Antikenfestspiele mit neuem Konzept zurück: Künftig will man sich dem Wiederentdecken von Opernraritäten im römischen Amphitheater widmen. Zum Auftakt hat man, passend zum Spielort, Arrigo Boitos Schmerzenskind «Nerone» ausgegraben – jenes Werk, an dem der Verdi-Librettist jahrzehntelang herumgedoktert hatte, ohne es je zu vollenden.
Nach der Uraufführung durch Toscanini 1924 – sechs Jahre nach Boitos Tod – war die Oper bald in den Archiven verschwunden.
Szenische Produktionen waren Mangelware, konzertante Wiederbelebungsversuche blieben stets umstritten, was sich am drastischsten im Verdikt des New-York-Times-Kritikers zur US-Erstaufführung unter Eve Queler 1982 niederschlug: Er bezeichnete Boitos Partitur kurzerhand als «Mussolini Music». Die Trierer Aufführung belegt dieses Urteil nicht. Boitos Musik ist, so wie sie GMD Victor Puhl interpretiert, bisweilen monumental, in den Massenszenen gekonnt emotionalisierend, in der Charakterisierung der Figuren deutlich platter als «Mefistofele». Aber sie hat nichts Faschistoides. Dem durchschlagskräftigen, präzise arbeitenden, szenisch wie musikalisch auf hohem Niveau agierenden Chor kommt ...
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Opernwelt September/Oktober 2010
Rubrik: Festivals II / Panorama, Seite 67
von Dieter Lintz
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