Voll auf der Rolle
Das Leben der Bourgeoisie im verblichenen Reich Napoleons III. gehört gewiss nicht zu den Herzensthemen des heutigen Theaterpublikums. Ziemlich lange her, bald anderthalb Jahrhunderte. Aber es sind eben jene saturierten Stützen einer selbstgefällig-morschen Gesellschaft, die Jacques Offenbach zeitlebens mit swingendem Sarkasmus aufs Korn nahm. Das höllische Vergnügen an seinen musikalischen Satiren lässt sich also nicht gänzlich von den historischen Reibungsflächen abkoppeln, an denen sich seine Fantasie entzündete.
Das gilt zumal für «Orphée aux Enfers», das erste großformatige Erfolgsstück, das Offenbach 1858 am eigenen Théâtre des Bouffes-Parisiens herausbrachte. Natürlich rechneten der Komponist und seine Librettisten Hector Crémieux und Ludovic Halévy auch in dieser abgedrehten Parodie auf die antike Geschichte von Orpheus und Eurydike mit der Hypokrisie ihrer Zeit ab. Einer Ära, deren Weichbild uns kaum mehr vertraut ist.
Hinzu kommt die Sprachbarriere: Um den Witz des französischen Originaltextes in die Gegenwart zu übermitteln, entstehen, vor allem außerhalb des frankophonen Raums, immer wieder neue Fassungen, die allerdings nicht selten Offenbachs melodienselig ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Albrecht Thiemann
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