Verwelkte Blumen
Es ist angerichtet. Der arielgleiche Sturm hat sich verflüchtigt, das lästig-lärmende Volk ist nach Hause gegangen, der bestirnte Himmel funkelt hell, und aus dem Graben steigt, mild-versonnen, legato e dolcissimo, con espressione, eine dominantisch geformte Kantilene des Solo-Cellos empor, auf deren Flügeln alle Liebenden dieser Welt Platz hätten.
Das ist der Augenblick, in dem die lang anhaltenden Entbehrungen ein Ende haben müssten; es ist jene magische Heureka-Sekunde, in welcher Otello und Desdemona eigentlich nur noch von einem einzigen Wunsch durchflutet sein dürften: O sink hernieder, Nacht der Liebe!
Doch, ach, nichts dergleichen geschieht: Pustekuchen. Wie zwei gealterte Backfische, die sich nach Jahren zufällig wiedersehen, stehen Jonas Kaufmann und Anja Harteros auf der riesigen Bühne der Bayerischen Staatsoper einander gegenüber: sich verlegen um die eigene Achse drehend, ganz und gar unfähig, den anderen zu verschlingen. Nur die zarte Andeutung einer Umarmung will ihnen gelingen, auch der glückseligmachende Kuss («un bacio!») ist wenig mehr als ein verhuscht-profanes Busserl. Leidenschaft sieht anders aus.
Oder sie ist pulverisiert, existiert nur noch in der ...
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Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Jürgen Otten
Draußen, vor der Tür, die Kälte. Eisige Winde, Regenfäden, grauschwerer Himmel. Drinnen, im Ballettprobensaal, das Gleiche, nur in anderen Farben, Formen, Figuren. Eine Stiefmutter, deren Seele so schwarz ist wie ihr Kleid, zwei Stiefschwestern in blaustrümpfiger Blödheit, mit geflochtenen Zöpfen auf dem Kopf und Gemeinheiten im Gehirn. In ihrer Mitte die...
Macbeth trauert um seine Tochter. Fixiert auf den Verlust, hält er fetischhaft an Ballon, Schaukel und Dreirad der Toten fest. Kinderlosigkeit und destruktive Verzweiflung sind die fatale Triebfeder für Machtgier, Königsmord, die Spirale politischer Gewaltverbrechen. Das jedenfalls behauptet der Regisseur Damiano Michieletto. Er dichtet der Titelfigur in Verdis...
Uraufführung
Seit beinahe 15 Jahren sind sie ein Gespann: der Komponist Johannes Maria Staud und der Dichter Durs Grünbein. Für zwei Opern und ein Monodram haben sie ihre kreativen Köpfe zusammengesteckt. Die Wiener Staatsoper zeigt jetzt ihr neues Werk: das Musiktheater «Die Weiden» nach der gleichnamigen fantastischen Geschichte des britischen Autors Algernon...
