Versunkene Paradiese, freche Pointenparade

Simon Rattle dirigiert Ravels «L’Enfant et les Sortilèges» mit einem Starensemble – und hat starke Konkurrenz aus der amerikanischen Provinz

Selten wurde so viel Aufhebens um ein unartiges Kind gemacht: Für ihre konzertante Aufführung von Ravels dreiviertelstündigem Meisterwerk «L’Enfant et les Sortilèges» versammelten die Berliner Philharmoniker im November 2008 eine Sängerriege, mit der man eine ganze Serie von Galaabenden hätte bestreiten können. Auf dem Podium scharten sich Stars wie José Van Dam, Annick Massis, Nathalie Stutzmann und natürlich Rattle-Gattin Magdalena Kozená – da durfte man durchaus auf eine neue Interpretation mit Referenzcharakter hoffen.


Dass der jetzt von der EMI veröffentlichte Mitschnitt zwar eine gute, aber keine außergewöhnliche Aufnahme ist, liegt jedoch gerade an den Stars, die zwar Stilbewusstsein, aber nicht in jedem Fall die optimalen Stimmen mitbringen. François Le Roux produziert als Großvateruhr viel heiße Luft, Annick Massis ist als Feuer etwas tantenhaft, und das komische Talent von Nathalie Stutzmanns China-Tasse hält sich in Grenzen (als Mutter ist sie allerdings besser). Der Star der Aufnahme ist ohnehin das Orchester: Die Berliner spielen Ravels Partitur ganz auf Raffinesse hin und entfalten, etwa in der Märchenbuch-Episode, die duftige Aura ihres lichten, schwerelosen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2009
Rubrik: Medien/CDs, Seite 25
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Menschlich, allzu menschlich

Das ganze Drama, die ganze Tragik steckt in drei Takten. Wenn man den Sextaufschwung und den fallenden Sekundschritt abzieht, mit denen die Celli, pianissimo, auf jenen berühmten Akkord hinleiten, den Wagner ins Zentrum seiner symphonisch flutenden «Handlung in drei Aufzügen» stellt, sind es sogar nur zwei Takte, die gleich zu Beginn das fatale Glück Tristans und...

Barock, Jazz, Avantgarde

Seit in den amerikanischen Südstaaten die ersten field hollers auftauchten und schwarze Arbeiter sich mit improvisierten work songs den Frust von der Seele sangen, sind Blues und Jazz von der Musikweltkarte nicht mehr wegzudenken. Ein Pionier der neuen Gattung, der Ragtime-Erfinder Scott Joplin, schrieb bereits 1915 eine dreiaktige Oper («Treemonisha»), die ihre...

Idylle in Weiß und Blau

Das Drum und Dran sorgte einmal mehr für ebenso viel Gesprächsstoff wie die Aufführung selbst: Kaum war die Premiere von Glucks «Iphigénie en Aulide» mit Riccardo Muti am Pult über die Bühne gegangen, drohten die Gewerkschaften mit Streiks für die weitere Serie (ohne die Drohung letztlich wahr zu machen). Denn das Kulturministerium, das Italiens Opernhäusern...