Verschobene Perspektiven
Für das Booklet seiner neuen CD hat Philippe Jaroussky ein kontroverses Vorwort verfasst: Countertenöre, so argumentiert er darin, sängen meist Musik, die eigentlich für Kastraten verfasst worden sei. Deren Stimmen aber hätten ganz anders geklungen – weshalb sollten seine Fachkollegen und er selbst sich also nicht auch in anderes Repertoire vorwagen dürfen, zu dem sie sich persönlich hingezogen fühlten? Diese Suggestivfrage beantwortet der Franzose mit «Opium»: Ähnlich wie die ausgezeichnete CD mit baskischen Liedern des 19. und 20.
Jahrhunderts, die Carlos Mena vor einem Jahr veröffentlichte, ist auch Jarousskys Streifzug durch das französische Liedgut ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass Countertenöre dem romantischen Repertoire einen eigenen künstlerischen Stempel aufdrücken können.
Das sängerknabenhafte Timbre von Jarousskys hohem Mezzosopran verschiebt die Erzählperspektive dieser Miniaturen: Nicht das persönliche Nacherleben der Gefühle steht im Vordergrund, sondern die poetische Reflexion des hellwachen Beobachters. Das funktioniert natürlich dann am besten, wenn die Stücke nicht auf Dramatik, sondern auf kontemplativen atmosphärischen Reiz zielen: In Liedern wie Reynaldo ...
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