Heimatlos

Kirill Serebrennikov deutet «Nabucco» an der Hamburgischen Staatsoper aus seinem Hausarrest heraus als politisches Zeitstück, Paolo Carignani liefert dazu einen wohltuend sachlichen Verdi-Sound

Schöner war Hoffnung wohl nie: «Zieh Gedanke, auf gold’nen Schwingen, / zieh und ruhe auf Fluren und Hügeln! / Lass die Sehnsucht den Lauf dir beflügeln, / bis zu Zions Gebirge und Tal.» Mögen diese luziden Verse nicht jedem Erdenbürger vertraut sein, die Musik dazu ist es mit ziemlicher Gewissheit – das Fis-Dur-Largo aus Verdis «Nabucco» zählt zu den meistgesungenen Chören überhaupt. Auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper klingt der Gefangenenchor, der nicht selten Anlass zu religiös-politischen Manifesten bot, völlig anders – inwendiger, zurückgenommener.

Und er erklingt gleich zweimal: zunächst nobel, differenziert dargeboten durch den von Geflüchteten flankierten Chor des Hauses, dann noch einmal im dritten von vier Intermezzi, nunmehr ohne Orchester, vorsichtig vorgetragen vom «Projektchor Nabucco». «Va, pensiero» als humanistische Botschaft.

Denkwürdig wird die Botschaft, zumal im mondänen Ambiente einer Staatsoper, weil sie auf Pathos völlig verzichtet. Frauen, Männern und Kindern aus Syrien, Afghanistan, Ägypten und dem Iran, die vor wenigen Jahren nach Deutschland gekommen sind, wird hier die Gelegenheit gegeben, singend einem alles beherrschenden Gefühl freien Lauf ...

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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten