Radikal pessimistisch

Michael Schulz nutzt in Gelsenkirchen die thymotischen Energien in Verdis «La forza del destino» für eine düstere gesellschaftspolitische Analyse, Giuliano Betta entlockt der Partitur auch Momente himmlischer Schönheit

Der Herr ist unsichtbar. Aber man kann ihn hören. Ihn und seinen in g-Moll gefassten Ingrimm. Denn Gott ist außer sich vor Zorn. Und lässt nun diesem freien apokalyptischen Lauf.

Während auf Dirk Beckers unwirtlicher Bühne, die im Verlauf des Abends aus schlichtweißen Resopaltischen immer wieder raffinierte Konstellationen kreiert (Laufsteg, Küche, Verhörraum, Abendtafel, Kreuz),  Nebelkerzen dampfen und Lichterblitze giftig zucken, herrscht im Graben, wo Giuliano Betta den entfesselten Advokaten der göttlichen Instanz gibt, ein orchestraler Furor, der in seinen fiebrigen Ausschlägen den ganzen Saal erschüttert. Streicher jaulen im Diskant, das Holz schlägt Fortissimo-Funken, und so harsch donnern die (Wort-) Salven von Chor und Blechbläsern über uns hinweg, dass man den Jüngsten Tag in Reichweite wähnt. Der Effekt dieser musikalischen Offenbarung ist enorm. Dennoch bleibt eine bange Frage: Wie bitte gelangte das «Dies irae» aus Giuseppe Verdis «Requiem» ans Ende des dritten Akts seiner Oper «La forza del destino»?

Die heftig sich ausbreitende thymotische Energie, so die These des Regisseurs Michael Schulz, ist das logische Resultat humaner Verirrung. Soeben hat das Volk den ...

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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten