Vanitas heute
Schon während der Aufführung fragt man sich, warum eigentlich dieses 1890 in Turin uraufgeführte Werk nicht in den Spielplänen auftaucht. Liegt es daran, dass der 1893 im Alter von nur 39 Jahren verstorbene Alfredo Catalani zwischen den beiden Schwergewichten Verdi und Puccini erdrückt wurde? Oder an der Vermessenheit, einen so eminent deutschen Stoff wie die Loreley aus einer italienischen Perspektive, sozusagen als Exotikum zuzubereiten? Am Stück selbst kann es nicht liegen.
Das Libretto von Carlo d’Ormeville und Angelo Zanardini wirft einen hochinteressanten Blick auf die romantische Legendengestalt. Es zeigt nicht, wie die Frau auf dem Felsen die Männer verführt, sondern wie sie dazu gemacht wird – ihren Weg von der enttäuschten Liebenden zur Rachegöttin. Auch das große Thema des Bürgers im 19. Jahrhundert, die Angst vor der unkontrollierbaren weiblichen Sexualität, spukt durch die Geschichte. Venus und Elisabeth sind hier die erotisch aktive Loreley und Anna, die ehrbare Nichte des Markgrafen Rudolfo; zwischen ihnen schwankt der leicht verführbare Walter hin und her, und in einem flüchtigen Moment meint man auch einige «Tannhäuser»-Harmonien aus dem Orchester zu vernehmen. Die ...
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Verstand schafft Leiden. Dieses Apodiktum aus Alexander Gribojedows (1795 – 1829) gleichnamigem Theaterstück ist in Russland längst zum geflügelten Wort geworden. Denn die Wut auf die Moskauer Elitenclique trieb beileibe nicht nur Chazky, den scharfsinnigen Helden der Verskomödie, um. Auch deren Verfasser kannte das Gefühl von Ohnmacht hinlänglich. Gribojedow, der...
Ungezählte Male ist es passiert seit der Premiere Anno 1972 und noch immer passiert es: Wenn der Vorhang zum zweiten Akt aufrauscht, den Blick freigibt auf Faninals bekronleuchtertes Silbertraum-Palais, wird im Münchner Nationaltheater applaudiert. Eine legendäre «Rosenkavalier»-Szenerie wird gefeiert. Und mit ihr sein Urheber, neben Karl-Ernst Herrmann und Achim...
In der Kunst, den rechten Augenblick zu finden, macht Mara Eggert niemand so leicht etwas vor. «Es kommt oft vor, dass ein Dramaturg sich ein Foto einer bestimmten Szene wünscht, weil dann eine wichtige Textstelle gesungen wird. Aber man kann Bilder ja nicht hören – und optisch deutet nichts auf die Besonderheit des Moments hin.» Sichtbar wird der Moment oft erst...
