Unantastbar

Er war kein Mann der Moderne und auch nicht der Extreme, aber ein herausragender Orchesterleiter, dessen Interpretationen sich durch überlegen-strukturierte Intensität auszeichneten, in der Oper wie in der Symphonik. Ein Nachruf auf den großen Dirigenten Bernard Haitink

Gerade die einfachsten Fragen sind oft die heikelsten. Und sie bringen selbst höchst kluge Köpfe in stammelnde Verlegenheit. Wie etwa die Frage, was Musik eigentlich sei. Um nicht eine allenfalls halbseriöse Definition zu bemühen, sei hier die satirische Formel des Komponisten und Pianisten Otto M. Zykan zitiert: «Musik ist alles, was nicht nur Gymnastik ist.» Das war natürlich, weit über die wienerisch-saloppe Floskel hinaus, eine sarkastische Attacke auf jenen Dirigententypus, bei dem das optische Drum und Dran bis zur choreografischen Selbstdarstellung gesteigert erschien.

Auf die surreale Spitze getrieben hat dies Mauricio Kagel in seinem Film «Solo», in dem ein greiser Pultstar, ganz ohne Orchester und Musik, einzig gestisch und mimisch seine hybride Vision von Werk wie Dirigieren exhibitionistisch vor Augen führt: als autistische Pantomime, als gespenstische Séance.

Die andere, weniger solipsistische Dirigentenperspektive ist die des charismatischen Machthabers, der Kollektive befehligt, Apparate und Institutionen dominiert, der für Glamour und Society (und manchmal auch für den Hofstaat), aber auch übergreifend für klassische Musik schlechthin steht: ein Herrscher, zumal ...

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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Gerhard R. Koch

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