Unantastbar
Gerade die einfachsten Fragen sind oft die heikelsten. Und sie bringen selbst höchst kluge Köpfe in stammelnde Verlegenheit. Wie etwa die Frage, was Musik eigentlich sei. Um nicht eine allenfalls halbseriöse Definition zu bemühen, sei hier die satirische Formel des Komponisten und Pianisten Otto M. Zykan zitiert: «Musik ist alles, was nicht nur Gymnastik ist.» Das war natürlich, weit über die wienerisch-saloppe Floskel hinaus, eine sarkastische Attacke auf jenen Dirigententypus, bei dem das optische Drum und Dran bis zur choreografischen Selbstdarstellung gesteigert erschien.
Auf die surreale Spitze getrieben hat dies Mauricio Kagel in seinem Film «Solo», in dem ein greiser Pultstar, ganz ohne Orchester und Musik, einzig gestisch und mimisch seine hybride Vision von Werk wie Dirigieren exhibitionistisch vor Augen führt: als autistische Pantomime, als gespenstische Séance.
Die andere, weniger solipsistische Dirigentenperspektive ist die des charismatischen Machthabers, der Kollektive befehligt, Apparate und Institutionen dominiert, der für Glamour und Society (und manchmal auch für den Hofstaat), aber auch übergreifend für klassische Musik schlechthin steht: ein Herrscher, zumal ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Gerhard R. Koch
Über Jesus Christus und Richard Wagner, heißt es, seien so viele Texte geschrieben worden wie sonst über keine anderen historischen Figuren. Ob das stimmt, bleibe dahingestellt. Aber als Religionsstifter eigener Art hat Wagner jedenfalls durchaus fungiert. Entsprechend polarisierend war die Rezeption zwischen Verklärung und Verteufelung von der Mitte des...
Ruggero Leoncavallos «Pagliacci» – hierzulande besser bekannt als «Der Bajazzo» – ist im Grunde ein Stück Meta-Verismo, nein: fast schon zitatreiche Postmoderne (nur mit Authentizitätsfeeling). Da sich der Verismo um 1900 per se anschickte, glaubhaftere Stoffe von der Straße zu erzählen, darf der unförmige Tonio im «Pagliacci»-Prolog sogleich herrlich pathetisch...
Beim letzten Neustart gab es Verdi: den allerdunkelsten von allen. Doch «Macbeth», im Oktober 2008 von Martin Kušej inszeniert, bescherte der Intendanz von Nikolaus Bachler einen holprigen Beginn. Und das nicht allein, weil der später aus dem Haus gedrängte GMD Kent Nagano übergangen wurde und Gast Nicola Luisotti dirigierte. Sondern auch, weil sich schon damals...
