Tunnelblick
Wer in Verdis «Don Carlos» auf der Bühne den Wald von Fontainebleau, das Kloster San Yuste, den Platz vor der Kathedrale in Valladolid, das Zimmer des Königs oder Carlos’ Gefängnis erwartet, sitzt in Roland Schwabs Inszenierung im falschen Film. Der Blick trifft auf die nackten Betonwände eines fahl von kaltem Neonlicht beleuchteten Autotunnels, dessen Fluchtpunkt sich im Unendlichen verliert. In der engen Kurve qualmt ein umgestürzter, demolierter Sportwagen. Aus der sich öffnenden Tür fällt, schwerverletzt und blutüberströmt, der Fahrer.
Piero Vinciguerras so nüchterne wie bedrückende Szene wird sich bis zum Schluss der fast vierstündigen Aufführung nicht ändern, eine Ansicht, die sich quälend im Kopf festhakt. Ein von der Decke herabhängendes Kreuz und ein paar Stühle – das Kloster. Feurige Gullys, die aus dem Boden brechen – der Richtplatz der Ketzerverbrennung. Ein Sessel – Philippes Arbeitszimmer. Zwei Euro-Paletten – Carlos’ Gefängnis. Alles an diesem Abend ist und bleibt Autotunnel.
Die zwanghafte Bildverengung wirkt oft geradezu deplatziert, öffnet andererseits aber das Auge für Verdis pessimistischste, schwärzeste Oper. Schwab glaubt nicht an die Politparabel auf ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt März 2020
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Uwe Schweikert
Szenenanweisungen von Opernlibretti stehen bei Regieteams des 21. Jahrhunderts selten hoch im Kurs. Sie scheinen die interpretatorische Freiheit, die zu zeitgemäßen Sichtweisen führt, eher einzuschränken. Doch sie können auch beflügeln. Und wie. Nicola Hümpel und ihr kongenialer Bühnenbildner Oliver Proske beweisen es an der Staatsoper Hannover auf beglückende...
Uraufgeführt wurde die fünfte Oper des irischen Komponisten Gerald Barry 2016 in Los Angeles konzertant; im selben Jahr kam sie ans Londoner Barbican Center. Das Royal Opera House präsentierte «Alice’s Adventures Under Ground» nun erstmals szenisch, mehrmals täglich und in wechselnder Besetzung, beginnend mit Matineen an Londoner Schulen: eine vorzügliche Idee für...
Man mag es kaum glauben, dass hinter der trostlosen Fassade mit dem bröckligen Mauerwerk und den verwitterten Fensterrahmen einmal Musikgeschichte geschrieben wurde. Immerhin verkündet eine Gedenktafel, dass ein gewisser Rihards Vāgners zwischen 1837 und 1839 in dem Haus als Dirigent und Komponist tätig war und dass außerdem 1842 Ferenzs Lists, 1844 Klāra...
