Traumspiel
Mit nachtwandlerischer Sicherheit ballte Librettist Felice Romani weiland für diese Oper romantische Versatzstücke zu einer brillanten Mixtur. Aus heutiger Sicht indes können die versierte Dramaturgie seiner Dichtung und die lyrische Schönheit mancher Verse weder über das angestaubte Bild von Mann und Frau noch die Rechtfertigung von Standesunterschieden hinwegtrösten – allzu vorgestrig und klischeehaft kommen das titelgebende Unschuldslamm, der sich voreilig in Eifersuchtstiraden ergehende Bräutigam, die laszive Dorfgastronomin und der gräfliche Tugendbold daher.
An der Opéra Royal de Wallonie entscheiden sich Regisseur Jaco Van Dormael und seine Choreografin Michèle Anne De Mey deswegen dafür, die latente Ironie des Geschehens freizusetzen – allerdings nur, um es auf neue Weise zu poetisieren. Van Dormael, einer der profiliertesten belgischen Filmemacher, beschränkt sich auf die Verdeutlichung der wesentlichsten Konstellationen. Den Chor fixiert er über weite Strecken auf Stühlen und weist ihm damit die Zuschauerperspektive zu. Umso größerer Freiraum eröffnet sich für Choreografin De Mey. Für sie hat Bühnenbildner Vincent Lemaire eine Art Trampolin gebaut, auf dem die ...
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Opernwelt März 2023
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Michael Kaminski
Als 1992 die «Entdeckung» Amerikas durch Columbus 1492 zelebriert wurde, kam Spaniens König Juan Carlos nicht umhin, diese Großtat vollmundig zu preisen: Erst die «hispanidad» habe der «Neuen Welt» mit der spanischen Sprache, dem Katholizismus und der eurozentrischen Kultur, der barocken Architektur wahre Würde verliehen. Doch in Lateinamerika hielt sich die...
Unter Verdis Opern der mittleren Periode, die mit dem Erfolgsstück «Rigoletto» 1851 beginnt und elf Jahre später mit der Uraufführung von «La forza del destino» endet, nimmt «Il trovatore» schon allein deswegen eine Sonderstellung ein, weil zwischen dem Drama, auf dem dieses Bühnenwerk fußt, und dem Libretto, das ihm zugrunde liegt, eine eklatante Lücke klafft....
Roms Glaube ohne Worte!» wollte Friedrich Nietzsche in Richard Wagners «Parsifal» gehört haben, nachdem er vom Verehrer zum Intimfeind des Bayreuther Meisters mutiert war und auf dessen kunstreligiöse Anwandlungen nebst Keuschheitsethik nur mehr mit Bissigkeit antworten konnte. Um die böse Sentenz des Philosophen bloß nicht zu bestätigen, tilgt Michael Thalheimer...
