Träume(n) in einer grausamen Welt
In Tippetts letzter, in Deutschland noch nie aufgeführter Oper «New Year» (Neujahr) betritt die Anti-Heldin Jo-Ann laut Szenenanweisung die Bühne, «als ob sie von der Gewalt der Klänge draußen hereingeweht» wird. Die brutale, mit elektro-akustischen Effekten und reichlich Schlagwerk angereicherte Musik verebbt und weitet sich zu einer Gesangskantilene. «Safe, safe», «in Sicherheit», singt die Kinderpsychologin, die diesen Beruf gewählt hat, um Waisenkindern, wie sie eines war, helfen zu können.
Vor dem «Sturm da draußen» flüchtet sie sich in ihre Bücher, in ihre Illusionen, in sich selbst. Und sie träumt, gestützt von einfühlsamer Instrumentalbegleitung, in einer lyrischen Episode vom Paradies, das sie vor ihrer Haustür nicht findet, und davon, wie sie wohl die Kraft erlangte, sich der Welt zu stellen. In «New Year», erstmals 1989 an der Houston Grand Opera und 1990 in Glyndebourne gegeben, verbindet Tippett auf ungewöhnliche Weise Elemente des Musicals und der Masque, Musik des technologischen Zeitalters mit den Urformen des musikalischen Dramas. Dramaturgie und Klangcharakter unterscheiden sich erheblich von den vorangegangenen vier Bühnenwerken: «The Midsummer Marriage» ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es ist kalt im Staate Allemonde: Erstarrt und schneebedeckt sind die Natur und die grau-schwarz gesprenkelten Gemäuer, kalt und leblos sind die Seelen. Die Erstarrung zeigt sich in den Kostümen: Je älter die Figur, umso ähnlicher wird sie den Mauern. Stellvertretend für die zu echter Kommunikation unfähigen Kreaturen wird mit Puppen, Doppelgängern und...
Alle Achtung! Alfred Kirchner geriert sich in seiner Freiburger «Aida» nicht selbstgefällig als «elder statesman» der Regie – er rollt vielmehr die Ärmel auf. Er beweist, sagen wir: soziokulturelle Kompetenz. Er sieht Verdis Oper, weit weg von Verona und jedwedem Kostümschutt, als verdächtig gegenwartsnahen Kampf der Kulturen. Er bindet einen gänzlich...
Mit Fernchören und Signalen aus dem Hintergrund, mit buntem Wechsel von martialischen Trommelklängen, Klagegesängen und poetischen Verinnerlichungen schuf Bellini in «I puritani» ein akustisch vielgestaltiges Panorama. Die Kontraste hat Lorenzo Mariani in seinem Berner Regiedebüt nördlich der Alpen in gut lesbare und auch starke Bilder umgesetzt. Die Liebe...
