Totaltheater
Ein «lyrisches Märchen» hat Antonín Dvořák seine 1901 uraufgeführte Oper «Rusalka» genannt. Um ein Mensch zu werden und eine Seele zu erwerben, muss die Nixe ihre Stimme aufgeben. Ohne Sprache ist sie aber nur ein Phantom für den Prinzen, dessen Traumbild sie liebt. In der zeittypischen Gestaltung des Stoffs durch den Librettisten Jaroslav Kvapil verbinden sich freudianische Psychoanalyse und Finde-Siècle-Symbolismus, Nachklänge Wagners und des französischen Impressionismus zu einem betörenden slawischen Seelenton, den jeder szenische Realismus verfehlt.
Bastian Krafts Regieteam trifft ihn mit schlüssiger Konsequenz und verführt die Zuschauer mit einem Totaltheater, das verzaubert, zugleich aber auch verstört – nicht zuletzt durch die Mitwirkung von sechs Drag-Künstlern als Doubles der singenden Wald- und Wassergeister.
Die Szene ist ein abstrakter, in flirrendes Licht getauchter Raum, der sich unübersehbar als Theaterbühne zeigt. Am Boden tummeln sich wie in einem Aquarium die exzentrisch kostümierten Drag-Performer. Hoch oben, auf einer schmalen, über die Bühne verlaufenden Brücke stehen die Sänger als Lichtkegel im schwarzen Dunkel. Wenn sie später unten ihren Doubles ...
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Opernwelt 7 2022
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Uwe Schweikert
Das französische Wort «traversée» besitzt im Deutschen verschiedene Bedeutungen. Gemeint sein kann damit sowohl das Überqueren eine Brücke, das Durchschwimmen eines Flusses, aber auch ein Flug übers Gebirg’ hinweg. Für Patricia Petibon und Andrea Marcon bedeutet es, wie der italienische Dirigent in einem kleinen Beitrag für das Booklet des Albums «La Traversée»...
Faltenröcke machen früh alt. Jener, in dem die verträumte Bücherratte Tatjana steckt, lässt die junge Frau zu Beginn bereits wie ihre eigene Oma aussehen, die mit Vorliebe vom Damals erzählt, als die Zukunft noch so viel besser war. Doch die Schwärmerin singt sich in ihrer Briefszene empor aus dem wohlsortiert-langweiligen Landleben jenes Spießbürgeridylls, das...
Das Glück? Gleicht ein bisschen dem Mond. Allzu selten erscheint es in vollem Glanze, und dann auch nur für Augenblicke, bevor es wieder abnimmt, Stück für Stück, und schließlich wie von Geisterhand verschwunden ist, im Irgendwo, dort also, wo man es nicht findet, selbst wenn man sich auf die Suche danach begibt. Für Jenůfa ist diese Abwesenheit von Glück der...
