Tod und Verklärung
Eine weise Entscheidung, als erste Oper im wieder aufgebauten Teatro La Fenice die «Traviata» zu bringen; das Stück hat hier Heimrecht wie kein anderes. Als Verdi es 1853 am selben Ort herausbrachte, verlangte er gemäß der literarischen Vorlage von Dumas, dass die Handlung die Gegenwart abbilden und die bigotte Standesgesellschaft seiner Zeit bloßstellen solle. Das wurde damals vom Theater nicht respektiert.
Jetzt aber nahm Regisseur Robert Carsen zur festlichen Einweihung den alten Maestro beinahe allzu ernst: Seine kranke Kurtisane muss sich durch die kaputte Welt einer drogenverseuchten Partygesellschaft schlagen. Patrizia Ciofi, die sich als Violetta Valéry zur Ouvertüre in schwarze Seidendessous gehüllt auf ihrem Arbeitsplatz, einer üppigen Bettstatt, räkelt, ist ein Eskort-Girl unserer Tage. Um das weiter zu verdeutlichen, lässt Carsen noch vor Beginn der ersten Szene eine Reihe von Freiern an Violettas Bett treten, die ihr gleichgültig Geld vor die Füße werfen. Dass auch danach aus dem trüben Himmel stetig Scheine regnen und vor der beängstigenden Fototapete eines Waldes für romantisch-herbstliches Blätterrauschen sorgen, soll wohl die Kälte des kapitalistischen ...
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Eine Schlüsselpassage in Luigi Nonos Proteststück «Intolleranza 1960» gehört dem Chor: «Lebendig ist, wer das Licht erwartet in den Tagen des schwarzen Sturms». Als der Chor des Saarländischen Staatstheaters das bei der Premiere im September 2004 sang – es war ein regional wie überregional gefeierter Spielzeitauftakt, nicht nur wegen der Bühne des Stararchitekten...
Musikalisch ist es die berühmteste Szene aus «Lucio Silla»: Giunia steigt in die Katakomben hinab. Für dieses dritte Bild des ersten Aktes schrieb der 16-jährige Mozart eine Chromatik, die weit in die Zukunft vorausweist. Natürlich hört man das Vorbild Gluck. Doch selbst wenn man dessen «Alceste» mitdenkt, bleibt die Musik erstaunlich. Die dunkle Klangfärbung...
Lucrezia hat keine Chance: Blutschande mit Vater und Brüdern, der Gifttod, den ihre Hand so gern und oft gereicht haben soll – sie ist gerichtet von zahllosen Geschichtsschreibern. Und wenn auch aus Historikersicht wohl an all dem nichts dran ist, so lebt das Ungeheuer Lucrezia Borgia doch fort in unseren Köpfen, kolportiert auch von Victor Hugos Schauspiel und...
