Tiefsinnige Parabel

Patrick Hahn dirigiert Viktor Ullmans «Kaiser von Atlantis»

Der Tod verweigert seine Arbeit. Und das hat erhebliche Konsequenzen: Es kann nicht mehr gestorben werden. Was an sich (vielleicht) eine gute Botschaft wäre, hat allerdings einen kleinen Haken: Das Leiden der Menschen verringert sich keineswegs. Zumal Kaiser Overall an die Fortsetzung des Krieges mit allen Mitteln denkt. Die Dezimierung des Feindes bleibt jedoch aus – und so eben auch des Kaisers Sieg. Propagandistisch gewieft, wie er ist, dreht er die Sache um und schenkt allen das ewige Leben. Der Krieg geht gleichwohl weiter, eine Revolte bricht aus.

In diesem Moment tritt der Tod dem Kaiser im Spiegel gegenüber und bietet ihm die Fortsetzung seiner Arbeit an, wenn Overall ihm als erstes Opfer folgt. Der Kaiser willigt ein, nimmt Abschied und folgt dem Tod durch den Spiegel. Ein Schlusschoral verkündet: «Du sollst den großen Namen Tod nicht eitel beschwören.» 

Genau das taten aber jene, die den Anlass gaben für Viktor Ullmanns tiefsinnige Opernparabel. «Der Kaiser von Atlantis» darf als das bedeutendste musiktheatralische Kunstzeugnis gelten, das unter den Bedingungen des von den Nationalsozialisten betriebenen Konzentrationslagers Theresienstadt entstanden ist. Es hatte nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 48
von Bernd Künzig

Weitere Beiträge
TV, Kino, Streaming 9-10 2022

arte
11.09. - 17.25 Uhr Orff: Carmina Burana «O Fortuna! Wie der Mond so veränderlich, wächst du immer oder schwindest!»
Carl Orffs szenische Kantate «Carmina Burana» handelt von der Unbeständigkeit des Glücks und der Flüchtigkeit des Lebens. Regula Mühlemann, Michael Schade und Markus Werba sind die Solisten dieser Aufführung unter freiem Himmel auf dem...

Gegenzauber

Zum Beispiel der kurze Blick in den Spiegel, ganz links hängt der. «Einen Unseligen labtest du», singt Siegmund und betrachtet sich betrübt, aber ohne jedes Selbstmitleid. Oder zuvor das zweimalige Reichen des Wasserglases, bevor Sieglinde noch eine Flasche Met bringt, vom Bruder anerkennend gewürdigt (die drei Gesten stehen exakt so in der Partitur). Oder der...

Frauen am Abgrund

Die berühmten Arkaden der Felsenreitschule sind verschwunden. «Ihr sucht die Bühne?», fragt die Sprecherin des (sonst meist gestrichenen) Prologs. «Wo ist sie aufgeschlagen? In dir? In mir?» In den Wassern des Unbewussten wohl am ehesten liegt «Herzog Blaubarts Burg» bei Romeo Castellucci, nachdem der schwere schwarze Vorhang zur Eröffnungspremiere der Salzburger...