Tiefgründig
Krähe, wunderliches Tier. Hockt da dürrbeinig auf der Stuhllehne, neigt, wie von Geisterhand berührt, von Zeit zu Zeit den Kopf, lauscht dann erneut dem leisen Gesang der dem Wahn Verfallenen, die im wallend weißen Nachthemd vor ihr sitzt und manisch die Hände aneinanderreibt, so als könne sie damit jene schwere Schuld tilgen, die sie auf sich geladen hat. Schon in Schuberts «Winterreise» stand der merkwürdig-verschrobene Vogel für Vergänglichkeit, für Irritation, ja für den Tod. Und so ist es auch hier.
Lady Macbeth hat ihr Leben verwirkt, nun bleibt ihr nur noch diese letzte große Abschiedsszene: «Vegliammo invan due notte», nachtwandlerischer Gesang, mehr Traumbild als Realität, gespickt mit zauberhaftesten Pianissimo-Tönen und weitgespannten, sich ins Herz bohrenden Linien.
Maria Callas hat die Partie nur einmal auf der Bühne gesungen, sie war die vielleicht beste Lady aller Zeiten. Doch Anna Netrebko kommt ihr in der Wiener Staatsoper nun sehr, sehr nahe. Ihr Sopran besitzt eine ähnlich suggestive Energie, diesen kaum spürbaren Hauch des Entrückten, der für diese Gran Scena del Sonnambulismo im vierten Akt von Verdis Musikdrama «Macbeth» eine so ungeheure Wirksamkeit ...
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Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Jürgen Otten
Inzest ist auf der Opernbühne keine Seltenheit. Ganz offen wird das Tabuthema Geschwisterliebe in Richard Wagners «Walküre» verhandelt, missbräuchliche Vater-Tochter Begierden rumoren gefährlich auch in Richard Strauss’ «Salome» und bilden so den Urgrund für das vom Todestrieb besessene Begehren der Titelfigur. Wie sich überhaupt dysfunktionale Familienstrukturen...
Man ist es zwar langsam leid, immer wieder die Pandemie bemühen zu müssen. Doch mit den viralen Verwerfungen wird sich der Kulturbetrieb wohl noch lange herumschlagen müssen. Was zunehmend schmerzlich erfahrbar wird, ist allenthalben spürbare Diskontinuität. Ehe sich im November 2020 die Vorhänge auf unbestimmte Zeit schlossen, waren in Österreich die ersten...
«Du hast kein Recht dich zu beklagen. Die Strafe, die dich trifft, ist nur eine Vergeltung. Du hättest das Ende deines Spiels vorausahnen können, hättest du die Geschichten deiner Vorbilder besser studiert. Du wusstest wohl, dass die Gier nach Macht bestraft werden würde. Du darfst dich mutig nennen, denn dein Ende kann dir nicht unbekannt gewesen sein. Wenn du...
