Tatort Kanzleramt
Wer die Aktualität eines Bühnenwerks besonders betonen will, lässt es hier und heute spielen – ein recht einfach gestrickter Ansatz, der in Frankfurt momentan groß in Mode scheint. Im Mai war Calixto Bieito mit seiner «Macbeth»-Deutung im geilen Morast einer Bankenzentrale gescheitert, jetzt versuchte es Claus Guth – wieder mit Verdi, diesmal dem «Maskenball». Und: Die Tagespolitik kam seinem Ansatz so gut entgegen, wie es keine Planung hätte bewerkstelligen können.
Die Wahlurnen der Bundestagsnachwahl in Dresden waren gerade geschlossen, als sich der Vorhang in Frankfurt hob, um die «K»-Frage für die Verdi-Oper zu beantworten, die mit Liebe, Eifersucht und Machtkampf in eine Parteizentrale verlegt wurde – samt Wahlplakaten, die den Machthaber Riccardo mit roter Krawatte zeigen. Seine Mörder tragen übrigens gelbe. Die Untertanen sitzen im mittleren Management –, und wenn eine Ehefrau mit dem Freund des Gatten anbändelt und hierfür ein stilles Plätzchen sucht, tut es statt einem Galgenberg auch ein schuttüberladenes Abbruchbüro. Das dämonische Element – von Verdi ohnehin eher eine Behelfslösung für die reichlich abstruse «Boston»-Version – ist eliminiert: Ulrica tritt als – wer ...
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Mit einem beispiellosen Premieren-Marathon wurde die in den letzten Kriegstagen zerstörte Wiener Staatsoper am Ring vor einem halben Jahrhundert wiedereröffnet: Sieben Neuproduktionen in vier Wochen müssen das Ensemble und die Kollektive bis an den Rand der Leistungsfähigkeit gefordert haben. Doch von Erschöpfung keine Spur. Ein Funke der Begeisterung scheint alle...
Fünf Jahre sind vergangen seit der Uraufführung eines Werks, das gleichsam einer imaginären Linie zwischen Wagners «Tristan und Isolde», Debussys «Pelléas et Mélisande» und Messiaens «Saint François d’Assise» folgt: Kaija Saariahos «L’Amour de loin». Schon damals waren nicht nur das Sujet, der Text und die suggestive Klangwelt der Oper, sondern auch die...
I. «Das klingt jetzt wie im Dom-Konzert. Man hört Sie gut. Sie können viel weniger geben.» Musikalische Feinjustierung für die Rheintöchter. In neuer akustischer Umgebung müssen sie das Schwimmen erst wieder lernen. Der Bademeister ist derselbe wie zu Hause: Philippe Auguin, Nürnbergs langjähriger Generalmusikdirektor. Aber sonst läuft alles anders bei dieser...
