Spektakeln in den Leerlauf

Boito: Mefistofele München / Bayerische Staatsoper

Ob Gott tot ist? Zumindest gibt es hübsche Einspielungen aus seiner Heimat. Kantabel ausgebreitete Fragen («T’è noto Faust?») nebst Himmels-chören, von seinem gefallenen Engel immer wieder gern abgespielt, mutmaßlich zur häretischen Ergötzung. Das Grammophon nutzt Mefistofele dafür, hier, in seiner schwarzschwülen Hölle. Dass er darauf eine Vinyl- statt der korrekten Schellack-Scheibe platziert – was soll’s, nur ein Detail.

Dafür dröhnt Münchens Nationaltheater bald im Dolby-Surround-Sound von den Dur-Eruptionen der Heerscharen, während sich Lack-Leder-Wesen um Heinrich Faust bemühen. Was für eine Bild-Klang-Explosion, so hintergründig kann es gern weitergehen.

Tut es aber nicht. Wobei die Bayerische Staatsoper wahrlich nicht an teuren Zutaten für die dortige szenische Erstaufführung von Arrigo Boitos «Mefistofele» gespart hat. Bühnenbildner Piero Vinciguerra hat Roland Schwab ein gebogenes Gerüst gebaut, das eine Spur zu verdächtig an Götz Friedrichs Berliner «Ring»-Zeittunnel erinnert. Was sich darin abspielt: Oktoberfest-Humtata vor Kettenkarussel, Taschenspielertricks mit dem Feuer, zur Walpurgisnacht geraten die Hubpodien außer Kontrolle. Heinrich wird auf einer Schicki-Party ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Drahtig, federnd

André Campras «Tancrède», 1702 an der Pariser Oper uraufgeführt und für einige Jahrzehnte ein Erfolgsstück, stellt aus heutiger Sicht ein Bindeglied zwischen den Opern Lullys und Rameaus dar. Der rezitativische Deklamationsstil der noch jungen französischen Oper verbindet sich hier mit dem Melodienreichtum der Italiener. Das Libretto greift eine Episode aus Tassos...

Hanseatischer Akzent: «La belle Hélène» aus Hamburg

Die Offenbach-Produktion, mit der Simone Young im Herbst 2014 ihre letzte Hamburger Spielzeit eröffnete, war ein großer Publikumserfolg (siehe OW 12/2014). Die Veröffentlichung auf DVD ist eine willkommene Alternative bzw. Ergänzung zu der Pariser Produktion (2000) unter Marc Minkowski und Laurent Pelly (Arthaus). Das französische Duo Renaud Doucet (Regie und...

Nachdenken über den Schalk aus Pesaro

Rossini – «eine mediterrane Frohnatur»? Mitnichten: «Tatsächlich war [er] jahrzehntelang ein schwerkranker Mann.» Arnold Jacobshagen unterzieht in seinem Rossini-Buch viele lieb gewordene Mythen einer kritischen Überprüfung, mal systematisch (wenn er sich den verschiedenen Operngattungen in Rossinis Werk und später dessen möglichen Vorbildern widmet), mal...