Seelen-Sucherin
Das Buch ist eine Zumutung. Doch wer es nicht gelesen hat, ahnt womöglich nur in Teilen, was Schmerz bedeutet, der Verlust von Hoffnung, Liebe, Glauben. Und nein, Cesare Paveses «Handwerk des Lebens» macht seinem Titel keine Ehre, im Gegenteil. Dieses Tagebuch eines Lebensmüden erzählt von den Abgründen der Existenz, die überall lauern, nicht selten auch in uns selbst, verborgen unter der Haut, mit Wohnsitz in Nähe der Seele (und sei diese nur Teil jener fantastischen Kombination aus 100 Milliarden Neuronen, die durch unseren Kopf flitzen), dem Hauptsitz unseres Unterbewusstseins.
Dort haust der Schmerz, in einer winzigen Dunkelkammer, und Pavese hat ihn beschrieben wie kein Zweiter. «Der Schmerz ist etwas Bestialisches und Wildes, banal und umsonst, naturgegeben wie die Luft. Er ist unangreifbar, entzieht sich jedem Zugriff und jedem Kampf; er lebt in der Zeit, ist dasselbe wie die Zeit; wenn Zuckungen und Schreie kommen, dann nur, um den, der leidet, noch wehrloser zurückzulassen in den Augenblicken, die folgen werden, in den langen Augenblicken, in denen man noch einmal die vergangene Qual auskostet und auf die nächste wartet.»
Büchners Woyzeck würde das, wäre er imstande ...
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Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jürgen Otten
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