Sichtbar im Dunkeln

Achim Freyer assoziiert in Hamburg die «Szenen aus Goethes Faust» mit Caspar David Friedrich, Kent Nagano hat mit dem späten Schumann seine liebe Not

Natürlich dürfen wir uns Schumanns Faust nicht leibhaftig vorstellen. Als Grübler mit gebeugtem Kopf, zerfurchter Stirn, in fadenscheiniger Kluft. Auch Gretchen ist bei ihm nicht eine Verführte  aus Fleisch und Blut, so wenig wie Mephisto ein hölleneifrig-zynischer Tatmensch, der ihren und manch anderen Fall einfädelt.

In den Bruchstücken, die Schumann für sein über fast zehn Jahre hinweg (von 1844 bis 1853) entstandenes Werk für Solostimmen, Chor, Kinderchor und großes Orchester aus Goethes Dichtung, vor allem aus deren zweiten Teil, exzerpierte, haben wir es eher mit Luftwesen zu tun, ungreifbaren Kreaturen, körperlos und zeichenhaft. Ihre Heimat ist die Sphäre des Traums, der Fantasie, ihr Lebenselixier die Vorstellungskraft des Geistes.

Dass die «Szenen aus Goethes Faust» vom Ende, von der – fast vollständig in Musik gesetzten – allegorischen «Verklärung» des rastlos durch Zeiten und Welten getriebenen Helden her konzipiert wurden, passt ins Bild. Die mystische Errettung Fausts ist Ausgangs- und Fluchtpunkt der 14 Nummern. Sein Werdegang wird gleichsam rückwärts aufgerollt, nicht als pralles Drama, sondern in Tableaus, als Theater, das im Kopf des Betrachters spielt. Vom ...

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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Albrecht Thiemann