Rette sich, wer kann (das Leben)
Der tschechische Musikwissenschaftler Vladimír Karbusický zitierte in seinen Hamburger Seminaren mit ironisch zusammengekniffenen Augen gern die (natürlich von ihm stammende) strukturelle «Ur-Formel» alles Klingenden: «Musik ist Wiederholung und Variation.» Das war im letzten Jahrhundert und besitzt, trotz der ironischen Simplizität des Merksatzes, einen wahren Kern – nimmt man etwa den Komponisten Bernhard Lang.
Die Wiederholung, von ihm im angesagten Neudeutsch «Loop» genannt, ist nachgerade sein Markenzeichen, das er wiederholt in seinen bald 20 Stücken fürs Musiktheater einsetzt, nun auch in «Dora», das an der Staatsoper Stuttgart herauskam. Darin steht eine junge Frau im Widerstand gegen die Enge von Vater, Mutter, Bruder und Schwester unter Strom, im Hass gegen die Verhältnisse, die Langeweile, Ödnis und Belanglosigkeit. Nur was, wohin sie will, das weiß Dora nicht. Zögernd, ziellos macht sie sich auf die Suche. Davon handelt die erste gemeinsame Oper von Bernhard Lang und dem Schriftsteller Frank Witzel, der mit seinem Roman «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969» bekannt wurde und dafür 2015 den Deutschen Buchpreis ...
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Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Götz Thieme, Jürgen Otten, Werner Kopfmüller
Heinrich Heine wusste sehr wohl, wie kompliziert es um die allerschönste Hauptsache der Welt meist bestellt ist: «Ein Jüngling liebt ein Mädchen, / die hat einen andern erwählt; / der and’re liebt eine and’re, / und hat sich mit dieser vermählt.» Zahllos sind die Dramen, in denen diese Konstellation in vielen Variationen zu veritablen Verwicklungen, Verirrungen und...
Das Christentum und seine Sexualmoral – es ist ein langes, leidiges Kapitel in der Geschichte mit vielen unguten Nebenerscheinungen. Daran hat sich, insbesondere was die katholische Lehre angeht, bis heute kaum etwas geändert – lediglich der Machteinfluss, um vorehelichen Sex zu verbieten oder gleichgeschlechtliche Beziehungen zu strafen, ist verschwunden. Dabei...
Die Tonart verheißt wenig Gutes. G-Moll, das kündet (im wahrsten Sinne des Wortes) von Trübsal und Tristesse. Und so verzagt, wie Malcolm Martineau die Melodietöne des viertaktigen Vorspiels auf die Tasten tupft, gewinnt man schon einen nachhaltigen Eindruck von dem, was der Dichter wenig später beklagen wird: «Hör’ ich ein Liedchen klingen, / das einst die Liebste...
