Rette sich, wer kann (das Leben)

Das zeitgenössische Musiktheater bebt: Stuttgart bringt Bernhard Langs «Dora» zur Uraufführung, Mannheim hebt (in Schwetzingen) «Dark Fall» von Hans Thomalla aus der Taufe, Dresden präsentiert Detlev Glanerts neues Opus «Die Jüdin von Toledo»

Opernwelt - Logo

Der tschechische Musikwissenschaftler Vladimír Karbusický zitierte in seinen Hamburger Seminaren mit ironisch zusammengekniffenen Augen gern die (natürlich von ihm stammende) strukturelle «Ur-Formel» alles Klingenden: «Musik ist Wiederholung und Variation.» Das war im letzten Jahrhundert und besitzt, trotz der ironischen Simplizität des Merksatzes, einen wahren Kern – nimmt man etwa den Komponisten Bernhard Lang.

Die Wiederholung, von ihm im angesagten Neudeutsch «Loop» genannt, ist nachgerade sein Markenzeichen, das er wiederholt in seinen bald 20 Stücken fürs Musiktheater einsetzt, nun auch in «Dora», das an der Staatsoper Stuttgart herauskam. Darin steht eine junge Frau im Widerstand gegen die Enge von Vater, Mutter, Bruder und Schwester unter Strom, im Hass gegen die Verhältnisse, die Langeweile, Ödnis und Belanglosigkeit. Nur was, wohin sie will, das weiß Dora nicht. Zögernd, ziellos macht sie sich auf die Suche. Davon handelt die erste gemeinsame Oper von Bernhard Lang und dem Schriftsteller Frank Witzel, der mit seinem Roman «Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969» bekannt wurde und dafür 2015 den Deutschen Buchpreis ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Götz Thieme, Jürgen Otten, Werner Kopfmüller

Weitere Beiträge
Heinrich, mir graut vor dir!

Reuß-Schleiz-Greiz heißt das deutsche Duodezfürstentum in der Operette «Wiener Blut». Dass es keineswegs fiktiv ist, weiß eine größere Öffentlichkeit allerdings erst, seit ein Nachfahre des dortigen Herrschergeschlechts der Reußen vor eineinhalb Jahren bei den «Reichsbürgern» mitgeputscht hat. Wie sämtliche männlichen Mitglieder der Dynastie heißt er Heinrich, ist...

Die Verdammten

Die berühmteste Passage in Tschaikowskys «Eugen Onegin» ist die große Briefszene der Tatjana im ersten Akt: Die schwärmerisch veranlagte, sich vor der russischen Langeweile in die Literatur flüchtende junge Frau ist jäh für den abgebrühten Großstädter Onegin entflammt und schreibt ihm nachts einen glühenden Brief, in dem sie ihm ihre Liebe gesteht. Das Aufwallen...

Anatomie des Bösen

Der «Andere», namenlos, kommt ins Dorf, mit Esel und Pferd. Ein Krieg ist zu Ende, der die Überlebenden, so oder so beschädigt, zurückgelassen hat. Gewaltmenschen waren aufgetaucht, in dem merkwürdig deformierten Pseudo-Deutsch, das sich hier ins Französisch mischt, «Fratergekeime» genannt. Sie hatten Männer gemordet und Frauen misshandelt, hatten Lager umzäunt für...