Die Kunst und das Böse

Leonardo García Alarcón und Lydia Steier unterziehen am Grand Théâtre de Genève Jean-Philippe Rameaus «Les Indes galantes» einer Schocktherapie

Ein Schuss in völliger Dunkelheit. Ein Aufschrei. Knall auf Fall sieht sich das Publikum in die Gegenwart verabschiedet, die sich prinzipiell nicht unterscheidet von dem Geschehen auf der Bühne. Auf der Place de Neuve wirkt zwar alles friedlich. Aber etwas weiter weg könnte man sich ein Theater, wie Heike Scheele es auf die Bühne des Grand Théâtre gebaut hat, durchaus vorstellen. Einen Ort, an dem Künstler Zuflucht gefunden haben vor einer marodierenden Soldateska. Gespielt wird hier schon lange nicht mehr. An den Logenbalustraden nagt der Zahn der Zeit. Der Putz bröckelt.

Ein paar übrig gebliebene Kostümkisten lassen darauf schließen, dass hier einst «Die Entführung aus dem Serail» gegeben wurde.

Mozarts Singspiel war, als Rameau «Les Indes galantes» schrieb, zwar noch gar nicht komponiert, aber das Genfer Opernhaus ist an diesem Abend ohnehin eher ein Zufluchtsort der Fantasie, während draußen Kriegslärm das Gebäude umtost. Immer wieder fallen Schüsse, und wie von nackter Angst getrieben, stürzen sich die auf der Bühne Verbliebenen in einen Sinnestaumel, um die schmerzende Wirklichkeit für einige Zeit zu betäuben. Rasch werden auf Hébés Geheiß Lazarettbetten zu einer Lagerstatt ...

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Opernwelt Februar 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Hartmut Regitz