Die Ware Liebe

Puccini: Manon Lescaut
Frankfurt | Oper

Das Ende ist trostlos. Und hinreißend. Ummantelt von kaltem, grauen Beton, kauert Manon Lescaut zu Füßen jener vier riesigen Lettern, die ihr von Beginn an etwas versprachen, was sie nie zu halten vermochten: «LOVE». Wie vom Winde verweht ist diese Liebe, hinfort jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Glück, das Dasein ein einziger großer Irrtum: Seit mehr als einer Viertelstunde schon schleicht der Tod über neblige Mollfelder und zwei karstige Dur-Oasen um die Titelheldin herum. Jetzt hat er sein Ziel erreicht, Manon wird ihr verpfuschtes Leben in verhangenem fis-Moll aushauchen.

Doch etwas ist da, das dieses quälend langsame Sterben zu einem unvergesslich luziden Moment werden lässt. Es ist diese Stimme. Und die Frau, der sie gehört.

Man hat das ja nicht für möglich gehalten. Dass Asmik Grigorian, die erst im Sommer mit einem sagenhaften Votum zur «Sängerin des Jahres» gekürt worden war, sich noch einmal steigern, ihre umwerfende Darstellung der Titelpartie in Romeo Castelluccis magischer «Salome» übertreffen könnte. Allein, sie kann es. Noch farbiger, funkelnder, in der Höhe brillanter und gelenkiger ist ihr diamantener Sopran geworden, noch weiträumiger, umfassender – existenzieller gewissermaßen. Manons f-Moll-Largo «Sola perduta, abbandonnata» klingt bei der litauischen Sängerin so, als würde sie in diesem vierten Akt um ihr Leben singen und dabei das ganze Gewicht der Welt von ihrer armen Seele hinabwälzen, genau so, wie Puccini es sich wünschte: «Un grande dolore in piccola anime».

Doch sie ist ja nicht alleine. Sondern noch im Tod vereint mit jenem Cavaliere, der ihr verfiel, kaum dass er sie erblickte, und der ihr bis zum Schluss treu ergeben folgt, obwohl es zuvor genügend Gründe gegeben hätte, von ihr abzufallen; schließlich ist Manon kein Engel. Seinen Namen sollte man sich merken. Der nordamerikanische Tenor Joshua Guerrero gibt in der Partie des Renato Des Grieux sein Deutschland-Debüt, und er tut es so furios wie virtuos. Guerreros Stimme erinnert ein wenig an den jungen José Cura: feurig, schmachtend ist sie, schluchzend bis nahe an die Kitschgrenze, doch auf festem, felsigen Grunde wohnend und ausgestattet mit einer konsistenten, strahlenden Höhe. Ein Höhepunkt: das Liebesduett des zweiten Akts.

Frankfurt erlebt ein Traumpaar, das in Lorenzo Viotti, dem designierten Chef des Nederlands Philharmonisch Orkest und der Nationale Opera Amsterdam, und dem unter seinen feingliedrigen Händen wie entfesselt aufspielenden Frankfurter Opern- und Museumsorchester kongeniale Partner hat (sieht man von einigen Wacklern in der Chor-Szene des Amiens-Aktes und wie aus dem Nichts auftretenden solistischen Luftlöchern ab), der wiederum beiden Sängern alles abverlangt. Da rauschen mitunter schon mächtige Klangwellen durch den Saal, doch sowohl Asmik Grigorian und Joshua Guerrero als auch Iurii Samoilov (Lescaut) surfen mühelos, mit grandioser Verve darüber hinweg.

Leider sind sie sämtlich in eine Inszenierung hineingeraten, die Puccinis Dramma lirico eine abstruse Einwanderergeschichte aufzwingt, vor Klischees nur so strotzt und im Paris-Akt gar von einer solchen Hilflosigkeit ist, dass man sich im Stillen fragt, wo hier die Dramaturgie war als kritische, impulsgebende Instanz. Die Brückenkonstruktion des ersten Akts, in der die «LOVE»-Lettern in Andeutung bereits zu sehen waren, hat sich durch 360-Grad-Drehung der Deckenplatte in eine muffig ausgeleuchtete Table-Dance-Bar verwandelt. Leicht bis sehr leicht bekleidete junge Frauen (Kostüme: Lluc Castells), unter ihnen auch Manon (in lederroten Hotpants!), üben sich an eisernen Stangen in gymnastischer Verrenkung, bis die Gäste, geifernde Herren, wie sie im Buche stehen, hereinschneien und sich am weiblichen Fleisch zu delektieren (oder auch mal zu vergreifen) versuchen. Mittendrin der ölige Oberlude Geronte, den Donato Di Stefano ganz so singt, wie ihn sich Puccini wünschte: als basso brillante, profund, angereichert durch baritonalen Schmelz.

Wo der Komponist ihm erkennbare groteske Züge verleiht, eine Art Don-Pasquale-Bräsigkeit, verordnet Regisseur Àlex Ollé grobschlächtige Widerlichkeit, so dass der Zauber der Szene verfliegen würde, wäre nicht Asmik Grigorian über ihre sängerischen Qualitäten hinaus auch noch eine solch fantastische Schauspielerin. Mehr und mehr reißt sie das Geschehen schon in diesen Minuten der szenischen Peinlichkeiten an sich, um es schließlich in Einklang mit Puccinis legendärer Schmerzvertiefung zu dominieren bis hin zum hinreißend trostlosen Ende. Das Frankfurter Publikum quittiert diese zwei Sternstunden der litauischen Sopranistin mit stehenden Ovationen.


Puccini: Manon Lescaut
Premiere am 6. Oktober 2019

Musikalische Leitung: Lorenzo Viotti
Inszenierung: Àlex Ollé
Bühne: Alfons Flores
Kostüme: Lluc Castells
Licht: Joachim Klein
Chor: Tilman Michael
Solisten: Asmik Grigorian (Manon Lescaut), Joshua Guerrero (Chevalier Renato Des Grieux), Donato Di Stefano (Geronte de Ravoir), Magnús Baldvinsson (Der Wirt), Bianca Andrew (Ein Musiker), Jaeil Kim (Ein Tanzmeister), Santiago Sánchez (Der Laternenanzünder), Božidar Smilkanić (Der Sergeant), Pilgoo Kang (Der Kapitän)

www.operfrankfurt.de


Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Jürgen Otten