Projektionen

Janácek: Aus einem Totenhaus Prag / Nationaltheater

Muss das sein? Das ist der erste Gedanke, als sich der prächtige Vorhang des Prager Nationaltheaters hebt. Der Blick fällt auf eine riesige Projektion mit dem Konterfei Leos Janáceks, vor das, mit Fräcken angetan, die Sänger treten, um sich einer nach dem anderen vom Gefängniswärter in das Lager bzw. die Oper einweisen zu lassen.

Doch wozu dieses szenische Anführungszeichen? Sind Dostojewskis bedrückende Aufzeichnungen über seinen Aufenthalt in einem sibirischen Straflager und ihre Veroperung schon so historisch geworden, dass sie eines Rahmens bedürfen? Während dieser Gedanken weicht die Projektion und gibt den Blick auf die ganze Bühne frei: Sie zeigt das Straflager als einen mit Graffitti besprühten, verwahrlosten lost place, wo den neu ankommenden Häftlingen nun die Anstaltskleidung verpasst wird. In der Mitte des Raums liegt ein malerisch ramponierter Konzertflügel: Er ist die vielleicht etwas buchstäblich geratene szenische Übersetzung des verletzten Adlers, der von den Gefangenen gepflegt und vom Komponisten zum mächtigen Symbol für die Freiheit erhöht wird.

Weil Fräcke und Flügel zwar für die Musik selbst, aber auch für einen ritualisierten Konzertbetrieb stehen könnten, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Carsten Niemann

Weitere Beiträge
Sechsmal hoch

Nicht nur in Roms Caracalla-Thermen, so viel darf spekuliert werden, auch in den Stadien der Welt dürften sie heute Kreisch-Ovationen auslösen. Farinelli/Senesino/ Carestini, das wäre so etwas wie Domingo/Pavarotti/Carreras in Potenz – für die feinen Kastratenorgane gäbe es ja Mikros und Mischpulte. So absurd mutet es also gar nicht an, dass die...

Explosion der Stille

Dunkeldüster endet «Luci mie traditrici». «Badet mich in Blut. Lebt wohl, ich werde für immer in Qualen leben», singt der Gattenmörder. Dennoch sind danach alle glücklich, Darsteller und Leitungsteam; Bravos sprühen wie Sterne, ein feuriges Feedback des Publikums in der Halle E des Museumsquartiers bei der Festwochen-Premiere der Oper von Salvatore Sciarrino. Da...

Hohe Voltzahl, heiße Luft

Während man sich in Mailands Messe-Pavillons seit der Eröffnung der Weltausstellung Expo 2015 am 1. Mai dem globalen Thema «Welternährung» widmet, erwies man zur Saisoneröffnung an der Scala am selben Abend mit einer Wiederbelebung der «Turandot»-Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff (2002) neben Puccini zwei weiteren nationalen Musikgrößen Reverenz: Luciano Berio,...