Poesie und Motorik
Opern als akustisches Theater, als «theatre of the mind», wie es einst die Schallplatten-Produzenten Walter Legge und John Culshaw (von dem das Zitat stammt) verwirklichten, gehören schon lange der Vergangenheit an, weil sie nicht mehr finanzierbar sind. Dass Warner sich jetzt den Luxus leistete, Giacomo Puccinis «Turandot» im Februar 2022 an neun Tagen in Rom vor Studiomikrofonen als CD zu produzieren, dürfte allein den Starqualitäten von Jonas Kaufmann zu verdanken sein, der den Calaf singt.
Mit von der Partie sind, wie schon 2019 bei Verdis «Otello» mit Kaufmann in der Titelpartie, das Orchester und der Chor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung von Antonio Pappano. Dass bei der Aufnahme vor Ort noch die strikten Corona-Regeln galten und der Chor in einem Abstand von zwei Metern zwischen jedem Sänger über die ganze Empore verteilt stand, konnten die Techniker auf bewundernswerte Weise ausgleichen.
Motor der Einspielung ist Antonio Pappano, der das Stück zuvor noch nie im Theater dirigiert hatte. Nach den drei Einaktern des «Trittico» mit ihrer straffen musikalischen Dramaturgie kehrt Puccini in «Turandot» zu einem Stoff voller Extreme zurück. Das Märchen ...
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Opernwelt Mai 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 36
von Uwe Schweikert
Über den Köpfen des Publikums fliegen die Fetzen, man sitzt mitten im Kreuzfeuer verfeindeter ästhetischer Positionen. Regisseur Guillermo Amaya hat die gegnerischen Lager in seiner Heidelberger Inszenierung auf den Treppen des Zuschauerraumes und an der Bühnenrampe postiert. Komische, Tragische, Lyrische und Hohlköpfe liefern sich einen furiosen Schlagabtausch. In...
Sensibel in der Zeichnung der Figuren, subtil in der Reduzierung der Partitur auf gerade mal fünf Instrumente und spannend erzählt wie ein Krimi – so kommt diese maximal verdichtete Version von «Pelléas et Mélisande» daher. Das impressionistische Drame lyrique, das Debussy als Sohn des Fin de Siècle 1902 mit scheinbar von der Welt entfernter Entrücktheit auf den...
Das «erste richtige Liebesduett der Operngeschichte» nennt Ulrich Schreiber den betörenden Schlussgesang in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea». Und ja, in diesem Duett ereignet sich Ungeheures; auf dem Fundament eines ostinaten, abschreitenden Lamentos besingt das Liebespaar in hehrer melodischer Schönheit sein Glück. Liebespaar? Genau daran hegt Evgeny Titov...
