Freiheit durch Überforderung

Mehr als eine luxuriöse Klangmaschine: Das Bayerische Staatsorchester schwebt unter Kirill Petrenko auf Wolke sieben. Aber wie sehen eigentlich die Musiker ihren Chef und dessen Vorgänger?

Als ob sie das Stück nicht gerade ein halbes Dutzend Mal gespielt hätten. Doch trotz ständiger Wiedervorlage auf der Tournee, beim Konzert im eigenen Haus und mit einem Schlager wie Tschaikowskys Fünfter, lässt Kirill Petrenko bis eine Viertelstunde vor Beginn nicht locker. Proben, feilen, verfeinern, egal, ob in den Foyers des Münchner Nationaltheaters die Besucher ungeduldig werden. Interpretation als Dressur? Als Ausschalten sämtlicher Zufälle und spontaner Eingebungen? «Er lässt schon noch Luft», sagt Geiger Guido Gärtner.

«Es ist wie bei einem, der eine große Eisenbahnlandschaft aufbaut mit allen nur erdenklichen Details.» Im Ernstfall Aufführung werde dann der Zug aufs Gleis gesetzt, auf dass einer am Trafo-Regler spielen könne. «Es handelt sich um eine Extremorganisation. Aber erst die ermöglicht uns Freiheit.»

Weit, sehr weit ist das Bayerische Staatsorchester damit gekommen. Zum sechsten Mal (und vierten Mal in Folge) «Orchester des Jahres». Und dabei zum wiederholten Male ohne Parallelpreis für den Generalmusikdirektor – auch das ist eine Aussage. Der Formschub der vergangenen Jahre ist natürlich Petrenko zu verdanken, darüber herrscht Einigkeit nicht nur im Ensemble. ...

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Opernwelt Jahrbuch 2017
Rubrik: Dirigent und Orchester des Jahres, Seite 48
von Markus Thiel