Nie war so viel Lärm wie heute
In vielen Dingen war Christian Morgenstern ein Prophet. Vor hundert Jahren dichtete er: «Die Luft war einst dem Sterben nah: ‹Hilf mir, mein himmlischer Papa!› Der Herr, sich scheuend vor Blamage, erfand für sie die Tonmassage, wobei die Luft famos gedeiht...» Die Tonmassage hat sich aber erst lange nach Morgensterns Tod auf das Prächtigste entfaltet und wird seit einigen Jahren nicht nur in der Luft, sondern auch im Wasser angewendet. «Wenn ich vergnügt bin, muss ich singen», trällerten die Comedian Harmonists.
Wer heute jung und vergnügt ist, singt nicht, sondern dreht den Stereo-Verstärker auf. Tatsächlich spielt das Machtgefühl dabei mit. Mit tausend Watt Nennleistung, so viel wie ein bescheidener Staubsauger hat, kann man ein ganzes Wohnviertel zum Wahnsinn treiben und Funkstreifen in Trab setzen. Peinlicherweise verhindert die Biologie ein Anhalten der Wirkung. Man gewöhnt sich (scheinbar) an größeren Schalldruck. Jeder Diskothekenbetreiber weiß das, wenn er im Lauf des Abends die Lautstärken in die Höhe treibt, um eine subjektiv gleichbleibende Bedröhnung zu gewährleisten. Die Schmerzgrenze für den Menschen liegt bei 120 dB, in einer beliebten Kopenhagener Disko wurden ...
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Eine prominente Auszeichnung in Deutschlands Medienwelt hatte Berlin in den letzten Jahren sicher: Bei der jährlichen Kritikerumfrage der «Opernwelt» bekam die Hauptstadt der Republik regelmäßig den Titel «Ärgernis des Jahres», die rote Laterne der Branche, zugesprochen. Mit dem, was auf den Bühnen passierte, hatte das meist nur wenig zu tun, umso mehr jedoch mit...
Friedrich Nietzsche hat den stilistischen Sonderstatus von Georges Bizets «Carmen» wohl als Erster metaphorisch auf den Punkt gebracht: «Diese Musik ist heiter», schrieb er 1888, dreizehn Jahre nach der skandalumwitterten Uraufführung an der Pariser Opéra Comique, «aber nicht von einer französischen oder deutschen Heiterkeit. Ihre Heiterkeit ist afrikanisch; sie...
s ist kalt in Frankfurt. Knappe zehn Minuten nur dauert der Weg vom Hauptbahnhof bis zum Schauspielhaus: weißlicher Atemhauch aus Trinkerkehlen, blinkende Sex-Shop-Leuchtschriften, misstrauisch dreinblickende Passanten und gierige Krähen, die sich um halbverzehrte Döner balgen. Gefrorene Herzen, einsames Elend der Heruntergekommenen. Und vorbeieilende Banker dazu,...
