Natürlichkeit zweiten Grades
In den 50er- und 60er-Jahren war Elisabeth Schwarzkopf die «andere Primadonna». Doch nach ihrem Abschied von der Bühne 1972 in Brüssel (als Marschallin) und vom Podium 1979 in Zürich blieb ihr Nachruhm gloriolenfrei. Nur gelegentlich wurden ihre Aufnahmen wieder aufgelegt, selten tauchte ihre Stimme (wie die der Callas) als Gefühlsverstärker in Filmen oder in der Werbung auf. Anlässlich ihres 100. Geburtstags am 9.
Dezember ist nun – endlich! – ein großer Teil des diskografischen Nachlasses erschienen: Elisabeth Schwarzkopf – The Complete Recitals 1952-1974 (Warner Classics, 31 CDs).
In dem von Elisabeth Schwarzkopf edierten Buch «On and Off the Record: A Memoir of Walter Legge» findet sich ein Aufsatz des langjährigen EMI-Produzenten über seine erste Begegnung mit der Sängerin, die seine Frau werden und später – teils bewundernd, teils bitter – «Her Master’s Voice» genannt werden sollte. Im Januar 1946 nach Wien gekommen, um die besten Künstler der Zeit zu engagieren, unterzog Legge die Schülerin von Lula Mysz-Gmeiner und Maria Ivogün einer strengen Prüfung. Er ließ sie das kurze Hugo-Wolf-Lied «Wer rief dich denn?» so lange mit immer neuen Farben und verbalen Infektionen singen, ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Jürgen Kesting
Kleiner als im Mittelsächsischen Theater Freiberg, einem der ältesten noch bestehenden Stadttheater Deutschlands (1791), geht’s kaum. Das Puppenstubentheater in der historischen Freiberger Altstadt mit einer Bühne von 10 mal 12 Metern und einem Orchestergraben, in den gerade mal 44 Musiker passen, bietet ganzen 294 Zuschauern Platz. Trotzdem ist hier nicht...
Der Avantgarde der 50er- und 60er-Jahre waren Emotionen, Inhalte, Bildlichkeit eher suspekt: Symptome einer ästhetisch wie politisch korrumpierten Nachromantik. Struktur hieß das neue Zauberwort. Wertfrei, pure Materialorganisation sollte Musik sein, jegliche Assoziation an Tradition galt als verwerflich. In Darmstadt oder Donaueschingen wurde denn auch Hans Werner...
Magisch flirren kann der Beginn des «Lohengrin», flageolettfarbene Sphärenmusik sein. In Bern geht das erst mal schief – weil eine der Violinen um Haaresbreite danebenliegt. Erst als die Holzbläser und die tiefen Streicher den Klang grundieren, erfasst ein Sehnsuchtssog das Orchester wie eine geheime Tiefenströmung. Mario Venzago kann das, kein Zweifel. Der Chef...
