Nachts im Museum

Aribert Reimanns «Lear» wird von Christoph Marthaler an der Bayerischen Staatsoper in einem hermetisch vernagelten Kosmos untergebracht, Jukka-Pekka Saraste gibt am Pult den souveränen Partitur-Lotsen

Selbstständig ist der verlorene Sohn geworden, und ganz anders. Was Wunder: mit 43 Jahren und nach einer Tour d’Opéra über fast 30 Bühnen der Welt. Vor allem aber hat sich dieser «Lear» emanzipiert von jener Ästhetik, ob visuell oder vokal, mit der er 1978 bei den Münchner Festspielen das Licht einer damals teils buhenden, später nur noch entzückten, gebannten, erschütterten Opernwelt erblickte.

Dass er extrem unterschiedlichen Zugriffen standhielt, auch die Diagnose, dass es die Lear-Stimme – man denke an den ersten Interpreten Dietrich Fischer-Dieskau bis zu heutigen Kollegen wie Bo Skovhus, Wolfgang Koch und Gerald Finley – gar nicht gibt, all dies und noch viel mehr adelt das Stück zum Klassiker. Es ist die Rückkehr von Aribert Reimanns erfolgreichstem Werk an die Stätte der Uraufführung. Eine musikhistorisch befrachtete, auch emotionale Angelegenheit. Und eine Premiere, für die es knapp wurde und für die beinahe nur der Stream geblieben wäre. Gut zwei Wochen vorher gewährte der musenferne bayerische Ministerpräsident Gnade: Die Bayerische  Staatsoper durfte für 700 Gäste öffnen.

Und da ist noch ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Der betrifft Christian Gerhaher, gern als einzig ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2021
Rubrik: Focus Spezial, Seite 6
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Der Wirklichkeit enthoben

Worüber man im wahren Leben tunlichst schweigen sollte, davon lässt sich im Märchen trefflich erzählen. Und während Kinderfabeln mit ihren idealen Prinzessinnen und Königen als (Arche-)Typen des «Es war einmal» und «... dann leben sie noch heute» ihre zeitlosen Wahrheiten verkünden, gleichen Märchen für Erwachsene fast immer heimlichen Zeitstücken. Die geraten...

«Wir brauchen die Freien»

Frau Hesse von den Steinen, wenn wir Friedrich Nietzsche Glauben schenken wollen, ist der Einsamste der Stärkste. Die von Ihnen mitbegründete Initiative «krea(K)tiv» scheint aber für das genaue Gegenteil zu stehen ...
Richtig! Denn wenn wir dem österreichischen Kabarettisten Werner Schneyder glauben wollen, ist Einsamkeit die Belästigung durch sich selbst. Ich...

Zweifelhaftes Heldenleben

Giusto Fer(di)nando Tenducci (ca. 1735–1790) war ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Kastraten ihre Libido und veränderte Körperfettverteilung durch Testosteronsubstitution wieder normalisieren konnten, so dass die zu einem vokalen Wipfel-Dasein Erkorenen sich auch ein bewegtes erotisches Leben nicht versagen mussten. Zumal das Messerchen ja «bloß» die Hoden...