Staunen, von Beginn an

Für sie zählte allein die Klangrede aus innerer Notwendigkeit. Unerschöpflich schienen ihre vokalen Ressourcen, selbst im Gespräch vermochte Jessye Norman zu elektrisieren

Über die Einteilung der Stimme in Fächer konnte sie nur lachen. Was für sie zählte, war allein die Klangrede aus innerer Notwendigkeit. Unerschöpflich schienen ihre vokalen Ressour­cen, egal ob sie Gounod, Verdi,
Wagner, Strauss oder Spirituals sang. Selbst im Gespräch vermochte Jessye Norman zu elektrisieren.

Erinnerungen an eine Künst­lerin, die sich leidenschaftlich für Emanzipation und gegen Rassismus im Musikbetrieb einsetzte und ihre zuletzt raren Auftritte wie ein Hochamt zelebrierte

Kein pompöser Sonnenuntergang ist das, in Technicolor und Cinemascope. Behutsam, fast zaghaft beginnt sie das Wort «Abendrot», mit einem pianissimo angesetzten G auf der ersten Silbe. Ganz subtil, nur ein wenig wird der Klang aufgezogen, eine Wölbung, ein rotsilberner Schimmer, vokal gemalt als Pastell, das viel durchscheinen lässt von dem, was sich hinter der Naturschilderung verbirgt. Es ginge ja anders, gebieterischer, Jessye Norman hat das oft genug gezeigt. Doch hier ist es nicht allein Transparenz, die zur Hör-Erfahrung wird, sondern Transzendenz: Klangrede, das begreift man in diesen kostbaren Sekunden, in dieser Phrase, in diesem einzigen gesungenen Wort – sie ist weniger Errungenschaft ...

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Opernwelt November 2019
Rubrik: Nachruf, Seite 34
von Markus Thiel