Nachdenken über den Schalk aus Pesaro
Rossini – «eine mediterrane Frohnatur»? Mitnichten: «Tatsächlich war [er] jahrzehntelang ein schwerkranker Mann.» Arnold Jacobshagen unterzieht in seinem Rossini-Buch viele lieb gewordene Mythen einer kritischen Überprüfung, mal systematisch (wenn er sich den verschiedenen Operngattungen in Rossinis Werk und später dessen möglichen Vorbildern widmet), mal unsystematisch in prägnanten Kurz-Essays zu Stichworten wie «Kreativität», «Humor», «Leid», «Understatement» oder «Erfolg».
Dabei wägt er bedächtig verschiedene Forschungsmeinungen gegeneinander ab, schöpft aus seinen eigenen Studien zur Opernpflege in Neapel in den für Rossini entscheidenden Jahren zwischen 1815 und 1822, fragt nach dem spezifisch Modernen in Rossinis kompositorischem Denken und vergisst nicht dessen Vorliebe für gutes Essen (das er selbstverständlich nicht selbst zubereitete, sondern von Profis kochen ließ).
Ein Rossini-Bild aus einem Guss entsteht so nicht. Aber das wäre ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit angesichts der schillernden Vielseitigkeit des Komponisten und der eklatanten Widersprüche der Epoche. Vielmehr lernt der Leser einen herausragenden Künstler in zahlreichen Facetten kennen: als feinsinnigen, ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Anselm Gerhard
Kleingeistige Tyrannen, Odalisken, Harems, grausame Bestrafungen und dergleichen mehr wurden – als Versatzstücke einer dem Exotismus huldigenden Kunst – bereits seit Rossinis «L’italiana in Algeri» verspottet, als Verdi sich mit «Il corsaro» (1848) zum zweiten Mal einer Vorlage Lord Byrons widmete. Nach den politisch aufgeladenen «Due Foscari» (1844) geriet die...
Damals, 1836 in Sankt Petersburg, gab es nach dem Polenakt keinen Applaus. Trotz der prächtigen Tänze und Gesänge, mit denen Michail Glinka ihn in seiner neuen Oper servierte. Die Polen hatten schließlich erst sechs Jahre zuvor versucht, den russischen Zaren loszuwerden, der ihnen vom Wiener Kongress als König vorgesetzt worden war. Jetzt saß Nikolaus I. im...
Es brennt nicht, zumindest nicht auf der Bühne. Dafür flackert es rotgelb auf den Screens der Smartphones, die Hagens Mannen mahnend erheben. Brünnhilde kümmert das nicht, sie hat zu tun, am Schreibtisch sitzend, mit den Rheintöchtern. «Selig grüßt dich dein Weib», dann wird getwittert. Gutmenschen-Sätze über den Zustand und Verfall der Welt, kommentiert von...
