Mythen, Sex und Edelmaß
Vivaldis «Juditha triumphans» und Verdis «Attila» als Teile eines zusammenhängenden Opernabends zu präsentieren, der (mit kurzen Unterbrechungen) von 18 Uhr bis Mitternacht währt, mag zunächst nach einem Wagnis klingen. Doch auf den zweiten Blick finden sich in den Sujets der Stücke so viele Parallelen, dass die Paarung durchaus Sinn macht. So geht es hier wie dort um die Befreiung der «wahren Gläubigen» aus den Klauen eines lüsternen, heidnischen Kriegsherrn. Und in beiden Werken sind es der Liebreiz und das scharfe Schwert einer schönen Frau, die das Freiheitswerk vollenden.
Eine weitere Gemeinsamkeit besteht in der Mythologisierung der Geschichte(n) um die Gründung Venedigs: Die Serenissima wird als christliches Bollwerk gegen türkische Gefahr dargestellt – ein Topos, der sich wie ein roter Faden durch beide Libretti zieht.
Freilich ist Vorsicht geboten: Auch wenn man im Programmbuch des Festivals lesen kann, dass schon Vivaldi an eine szenische Aufführung seines auf einen lateinischen Text komponierten Oratoriums gedacht habe, gibt es für diese Vermutung keinerlei Belege. Weder das 1716 erschienene Libretto noch die in der Turiner Biblioteca Nazionale aufbewahrte ...
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