Leila Pfister (Marie) und Franziska Hirzel (Frau Schödler); Foto: Theater/Frances Marshall

Dieser Tage

Meier: Marie und Robert
Biel | Theater

Ein starkes Stück, allerdings nicht einfach zu lesen. «Marie und Robert», das Drama des früh verstorbenen Aargauer Pfarrers, Lehrers und Schriftstellers Paul Haller, ist in einem pointierten Schweizer Dialekt geschrieben, der dem Leser einiges abverlangt. Vielleicht aber wirkt das Stück gerade darum so direkt, so eindringlich. Es rufe förmlich nach Musik, befand Dieter Kaegi, Intendant des «Theater Orchester Biel Solothurn», wie sich die kleine, aber äußerst lebendige Oper in der Schweizer Uhrenmetropole Biel heute umständlich genug zu nennen hat.

In Jost Meier hat er den länger gesuchten (und genau richtigen) Komponisten gefunden: Nicht nur hat der 78-jährige Musiker in Biel als Orchestergründer und Chefdirigent eine wichtige Rolle gespielt; als eingefuchster Theaterpraktiker weiß Meier auch, wonach die Bühne verlangt.

Hans Jörg Schneider, bekannter Schweizer Schriftsteller, dem Meier eng verbunden ist, hat «Marie und Robert» in ein Libretto umgeformt – und dabei ins Hochdeutsche übersetzt. Leider, muss man sagen, selbst wenn man die eingeschränkte Verbreitung einer Oper auf Schweizerdeutsch in Rechnung stellt. Höhepunkt der als Ganzes grandiosen Uraufführung am Stadttheater Biel war nämlich ein Monolog, in dem das Innere Roberts zu sprechen beginnt: im originalen Dialekt, als Melodram und vorgetragen von einem Mädchen mit Springseil (Shirin Patwa mit erstaunlicher Ausstrahlung). Da war unvermittelt festzustellen, wie viel auf dem Weg vom Drama zum Libretto und vom Dialekt zur Schriftsprache verloren gegangen ist.

Frau Schödler zum Beispiel, die Mutter des Titelhelden, ist nicht bloß die am Alter leidende Frau, als die sie das Libretto zeigt, sondern auch eine arge Strippenzieherin, die das Geschehen in ihrem Sinn zu lenken versucht. Einiges davon bringt Franziska Hirzel, die diese Partie stimmlich großartig meistert, durch ihre starke, anhaltende Bühnenpräsenz ins Erleben ein. Und das trotz der etwas zu bewegungsreichen Inszenierung Reto Nicklers. Der Regisseur setzt das Stück von 1916 ins Umfeld der starken sozialen Spannungen in der Schweiz und des Landesstreiks vom Herbst 1918, was ebenso nachvollziehbar wie anachronistisch ist. Zudem konstruiert er mit zwei dem Stück angefügten Sätzen einen problematischen Zusammenhang zwischen der traurigen, weil scheiternden Liebe der beiden jungen Leute und dem Suizid ihres Erfinders Paul Haller im Frühjahr 1920.

Solcher Einschränkungen zum Trotz bietet «Marie und Robert» genügend Stoff für einen ausnehmend spannungsreichen Abend. Meiers Musik, im weitesten Sinn avantgardistischen Idiomen verpflichtet, arbeitet mit fasslichem Klang, was das Sinfonie Orchester Biel unter der Leitung seines Chefdirigenten Kaspar Zehnder hörbar macht. Farbig erzählt wird hier die Geschichte von Marie, die Robert liebt, aber den reichen Theophil geheiratet hat – und von Robert, der Marie liebt und den ihn finanziell in die Enge treibenden Theophil umbringt. Leila Pfister (Marie), Geani Brad (Robert) und Boris Petronje (Theophil) sorgen mit hohem Können dafür, dass diese Dreiecksbeziehung zu ihrer fatalen Erfüllung findet. Ob Robert mit seinen aufgehäuften Schuldgefühlen tatsächlich als Schweizer Wozzeck gesehen werden kann, wie bei der Premiere orakelt, darf dahingestellt bleiben. Tatsache ist aber – und darauf verweist nicht zuletzt der Auftritt des aalglatten Immobilienhändlers Müller (Konstantin Nazlamov zeichnet ihn virtuos) –, dass die Thematik des Stücks in ganz außerordentlicher Weise mit unseren Tagen zu tun hat.   


Meier: Marie und Robert
Uraufführung am 3. November 2017

Musikalische Leitung: Kaspar Zehnder
Inszenierung: Reto Nickler
Bühne: Christoph Rasche
Kostüme: Katharina Weissenborn
Chor: Valentin Vassilev
Solisten: Leila Pfister (Marie), Geani Brad (Robert), Franziska Hirzel (Frau Schödler), Boris Petronje (Theophil Leder), Konstantin Nazlamov (Agent Müller), Shirin Patwa (Mädchen)

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Opernwelt Januar 2018
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Peter Hagmann