Mehr als 20 Premieren, und nur eineinhalb in weiblicher Regie:  Berlins Opernhäuser blamieren sich kräftig

Neulich hatte ich einen merkwürdigen (Tag-)Traum. Ich träumte, ich wäre Marcello Mastroianni, führe mit einem Zug durch die Landschaft und träfe im Speisewagen eine bildhübsche Frau, die so aussah wie Sophie Marceau in dem Filmkrimi «Fluchtpunkt Nizza». Wir plauderten eine Weile, schließlich überredete die schöne Fremde mich, mit ihr an der nächsten Station auszusteigen und sie zu einer abgelegenen Villa zu begleiten.

Dort traf ich, im Gegensatz zum echten Mastroianni, nicht auf militante Feministinnen, die mich erst zu verführen und danach zu demütigen suchten, sondern auf eine Gruppe von Frauen, die alle nur eines im Sinn hatten: Kunst. In allen Räumen des altehrwürdigen Gebäudes wurde gedichtet, gemalt, komponiert, geschauspielert, gebildhauert – kurz: Es war die reine Wonne. Und ich mittendrin, als zwar nicht umschwärmter, aber umso schwärmerischer Gast.

Als ich die Augen aufschlug, war Sophie Marceau weg. Und ich glaubte auch nicht länger, Marcello Mastroianni zu sein. Das Gegenteil war der Fall. Ich war wieder ein einfacher Redakteur im Weinberg des Herrn und fand mich an meinem weißen Resopalschreibtisch wieder, vor mir die Broschüren der Opernhäuser für die Saison 2019/20, säuberlich von A bis Z geordnet. Ich fing also bei Aachen an, ging weiter zu Altenburg/Gera und Augsburg, ja, und dann war schon Berlin an der Reihe. Den Auftakt machte die Deutsche Oper. Keine Aufreger, aber viel Avanciertes, inklusive einer Uraufführung im Großen Haus, dachte ich beim Durchblättern. Als ich aber die jeweiligen künstlerischen Leitungsteams durchforstete, stellte ich mit Bestürzung fest, dass sich unter den Regisseuren keine einzige Frau fand. Nothing. Nada. Niente. Nur Old White Men (na ja, manche sind immerhin in den besten Jahren). Meine Neugierde war entfacht. Ich griff zur Spielzeitvorschau der Lindenoper und fand – abgesehen von einer «Musiktheaterperformance» der italienischen Sound- und Videokünstlerin und DJane Letizia Renzini mit dem knackigen Titel «Love, you son of a bitch» – in der Rubrik «Regisseur» erneut nur Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts. Wohlan, dachte ich, die Komische Oper wird die Ehre der Frauen retten. Doch weit gefehlt: neun Premieren, darunter eine einzige weibliche Regiehand (Nicola Raab mit Verdis «Traviata»). Das kann und darf nicht wahr sein. Ist es aber. Sogleich dachte ich an die Konferenz «Burning Issues» beim diesjährigen Berliner Theatertreffen, wo Scharen von Frauen versammelt waren, um sich zum Thema Gender(un)gleichheit auszutauschen. Oder auch an das Festival «Heroines of Sound» im Berliner Radialsystem, bei dem ausschließlich (elektronische) Kompositionen von Frauen aufgeführt wurden.

In den Köpfen der Berliner Intendanten und ihrer Dramaturgen scheint derlei zeitgemäßes Denken noch nicht angekommen zu sein. Männer dominieren das Regiefach. Und das ist kein Traum. Es ist die blanke, unausweichliche Wirklichkeit. Was tun? Man kann den Herren der Schöpfung nur eines empfehlen: Jungs, schaut euch Fellinis Film «La città delle donne» (noch) einmal an. Vielleicht träumt ihr dann auch mal von den vielen jungen weiblichen Talenten und längst erfolgreich hervorgetretenen Künstlerinnen, die es im Regiefach gibt. Tut ihr es nicht, schicke ich euch in die Stadt der Frauen. Und zwar auf immer und ewig!  


Opernwelt September/Oktober 2019
Rubrik: Zwischenruf September/Oktober 2019, Seite 95
von Jürgen Otten