Marionettentheater

Jürgen Kesting über die Neuproduktionen der «Walküre» in Hamburg und Lübeck

Schauplatz Hamburg. Siegmund, mit Dreitage­bart und im Parka, steht nach dem Gewoge des Gewitters wie eine Wachs- oder Robert-Wilson-Figur vor der kahlen Kü­chenzeile, in der Hunding haust. Ein Fremder schreitet vorbei, schnippt mit den Fingern und löst die Figuren aus der Erstarrung. Der Sinn erschließt sich erst mit Beginn des zweiten Aktes. Der Fremde ist Wotan, sitzt nun vor einem Tisch mit dem Modell der Küche und spielt mit den Figuren eine Art von Schach.

Es scheint, als sei die These der Gehirnforschung, dass der freie Wille des Menschen eine schöne Fiktion ist, fürs Regie-Theater brauchbar. In der Inszenierung von  Claus Guth sind die Willenlosen Marionetten eines Spielers, der sich in den Fäden, an denen er zieht, selbst hoffnungslos verstrickt.
Was die Emotionen betrifft, ist Hundings Hütte in Hamburg eine Gefrierkammer. Wäh­rend in der Lübecker Inszenierung von Antho­ny Pilavachi schon der erste Blick bei Siegmund und Sieglinde den coup de foudre auslöst und der erste Akt erotisch aufgeladen ist wie das Wälsungenblut in der Novelle von Thomas Mann, sieht Sieglinde in Hamburg den fremden Mann bei der ersten Begegnung nicht an. Statt des «seimigen Metes süßen Trank» ...

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Opernwelt Dezember 2008
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Kesting

Vergriffen
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