Luftgymnastik
Die Dame trägt Rot. Lang an ihrem schmal-schlanken Körper herabfließendes, samtenes Rot. Steht ihr gut, wo sie doch jetzt die (attraktive) Gattin eines (einfluss-)reichen Mannes ist, nicht mehr nur Bild für die anderen. Also spielt Lulu, die seit Menschengedenken diesen Namen nicht mehr trägt, die ihr zugedachte Rolle, spielt sie mit versuchter Würde. So ganz klappen will das aber nicht, die Vergangenheit nagt unverhohlen an ihr, hat sich in ihren Poren eingenistet wie ein Menetekel. Oder wie ein Kainsmal. Lulu bleibt die umittelbar-erotische Versuchung, unglückbringende Verheißung.
Bis hierhin ist alles gut und richtig in Matthias Kaisers Inszenierung. Aber genau das ist das Problem. Es ist alles nur richtig. Nie kühn oder verwegen. Oder anders. Verstörend. Irritierend, inspirierend. Seine Lulu kennen wir bereits, sie entlockt uns kein Staunen mehr, wie auch Bergs Partitur von Timo Handschuh und dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm lediglich referiert und nicht nach Zwischentönen, nach verborgenen psychischen Deformationen durchsucht wird. Das Stück, hier tritt es uns entgegen als ein beinahe aalglattes, mit Konventionen der Ironie getünchtes Gesellschaftsstück, ohne ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Jürgen Otten
Vierzehn Jahre waren seit der ersten Aufführung des kompletten Werks in London vergangen, als die Frankfurter Oper «Les Troyens» von Hector Berlioz 1983 ebenfalls so gut wie ungekürzt herausbrachte, musikalisch von Michael Gielen ähnlich entzündet wie von dem feuereifrigen Berlioz-Pionier Colin Davis in Covent Garden. Doch szenisch war die Frankfurter Produktion...
«Der Wind wütete, hoch schwollen die Wogen, schwer wog die Luft von Dunkelheit. Der Ozean verfinsterte sich und der Regen peitschte in Stößen herab.» So beschrieb der Mediävist Joseph Bédier in seiner 1900 erschienenen Nacherzählung des Tristan-Stoffs das Meer. Derart wild geht es an der Cardiff Bay am Abend der Premiere von Frank Martins «Le Vin herbé» zwar nicht...
Wiedersehen macht Freude – vor allem bei Gästen, die nicht zu oft kommen. Unter der Intendanz von Peter Jonas inszenierte David Alden derart häufig an der Bayerischen Staatsoper, dass irgendwann kein Münchner Operngänger seine ironische Popästhetik mehr sehen konnte. Nun ist der New Yorker Regisseur ins Nationaltheater zurückgekehrt, um Gioachino Rossinis letzte...
