Liebeserklärung

Die Augsburger Puppenkiste schafft den «Ring» in zwei Stunden

Opernwelt

Fies ist das Urmel geworden. Außerdem pafft es auch noch. Oder ist’s doch dessen missratener Spross mit scharfem Zahngebirge, müden Karl-Dall-Lidern und gefährlich ausschlagendem Rumpf? Dieses Drachengetier befindet sich in guter Gesellschaft angesichts der anderen Zöglinge – dem fast gesichtslos düsteren Hagen oder dem knollennasigen, rothaarigen Sonnyboy Siegfried, bei dem dank Zaubertrank-Zufuhr das Hirn auf nurmehr vegetativen Betrieb umschaltet.

Gemeinsam ist ihnen allen ein starkes Abhängigkeitsverhältnis: von den sieben Fädenziehern, die zwei Meter über der Spielfläche die Akteure dieser Nibelungen-Saga führen.

Tatjana Gürbaca kürzte 2017 den rund 16-stündigen «Ring des Nibelungen» am Theater an der Wien bekanntlich auf gute elf, Katharina Wagner wäre bei ihrem (geplatzten) Projekt am Teatro Colón mutmaßlich auf fünf gekommen. Die Augsburger Puppenkiste benötigt nun schlanke zwei Stunden. Bis auf Walkürenritt, Nornen, Mannenruf und ähnliche Sättigungsbeilagen ist (fast) alles drin. Singen dürfen nur die Rheintöchter. Ansonsten gibt’s zur Elektronik-Adaption von Enjott Schneider ein familientaugliches Melodram. Mal hört man Wagners verfremdete Originalmusik, vieles ist versiert gerührtes und atmosphärisch dichtes Klang-Amalgam. Statt brünstig-brausendem Siegfried/Brünnhilden-Duett jazzt es aus den Lautsprechern.

Zu ihrem 70. Geburtstag hat sich die Heimatstadt von Jim Knopf, Lukas und Kalle Wirsch mit einem (stets ausverkauften) «Ring» beschenkt. Oper ist hier nicht neu, die Puppenkiste riskierte schon «Don Giovanni» oder die «Zauberflöte» für Kinder. Für den «Ring» hat Regisseur und Figurenschnitzer Florian Moch eine auch für Neulinge verständliche, pfiffige Version erstellt mit raffiniert ausgeleuchteten, schnell wechselnden Szenerien: Das Aufführungstempo liegt im Musical-Bereich. Bequem wäre angesichts Wagners stabreimender, ausufernder Nordic-Talking-Soap eine Parodie. Die Augsburger umtänzeln diese Falle. Eher schmunzelt man, zum Beispiel über kapitalismuskritische Bonmots inklusive Brecht-Zitate, über Fricka mit phallischer Turmfrisur und Astrid-Varnay-Miene oder die langmähnige Erda im Lotossitz, der Mechthild Großmann ihren Damen-Bass leiht. Die Staatsanwältin des Münsteraner «Tatorts» ist in Star-Gesellschaft, Mime etwa wird von Oliver Kalkofe gesprochen, Fafner von «Ärzte»-Schlagzeuger Bela B. Kein Grund für Wagner-Verbände, zur Demo am Lech aufzulaufen: Dieser Augsburger Puppenkisten-«Ring» ist eine reine Liebeserklärung.


Opernwelt Januar 2019
Rubrik: Magazin, Seite 65
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Wie es Euch gefällt

Auf den Aufstand der Matrosen ist man in Kiel mächtig stolz. Als Helden einer Erhebung werden sie heute verehrt, die das morsche Kaiserreich zum Einsturz brachte. Als mutige Vorkämpfer der ersten Demokratie auf deutschem Boden. Der Platz zwischen Hauptbahnhof und Hörn, dem südlichen Hafenbecken, trägt seit 2011 ihren Namen, und in der alten Fischhalle am Wall schlägt einmal mehr ihre...

Die Frau vom Meer

Draußen, vor der Tür, die Kälte. Eisige Winde, Regenfäden, grauschwerer Himmel. Drinnen, im Ballettprobensaal, das Gleiche, nur in anderen Farben, Formen, Figuren. Eine Stiefmutter, deren Seele so schwarz ist wie ihr Kleid, zwei Stiefschwestern in blaustrümpfiger Blödheit, mit geflochtenen Zöpfen auf dem Kopf und Gemeinheiten im Gehirn. In ihrer Mitte die Verletzte, gefangen im...

Apropos... Extreme

Frau Sun, Ihr jüngstes Projekt «Kolik» ist eins der extremsten Stücke seit Langem. Sie sind darin als Sängerin, Schauspielerin und Stimmperformerin gefordert. Was macht den Reiz einer solchen Arbeit für Sie aus?
Zunächst die Tatsache, dass der Protagonist im Original-Monolog ein Mann ist. Dann die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Gegensätzlichkeit. Ich habe in dieser Produktion...