Leise rieselt der Tod
Im Anfang ein Bild, erschütternd und versöhnlich zugleich. Zwei Schlafende, womöglich Tote, Manon Lescaut und der Cavaliere Des Grieux. Reglos liegen sie im Bühnensand. Ein Spiegel trennt das verunglückte Paar, doch über dem Glas haben sich ihre Hände in einer letzten, zarten Berührung gefunden. Andrea Breth inszeniert erstmals Puccinis (lange nicht sonderlich geliebte, inzwischen oft gespielte) «Manon Lescaut» in Amsterdam vom Ende her, vom Tod in der Wüste.
Seine Entsprechung findet dies in Martin Zehetgrubers Bühnenbild, das den letalen Ausgang konsequent mitdenkt: Sein heller, abstrakter Einheitsraum bezeichnet in jeder Szene diese von Breth etablierte Atmosphäre.
Die Idee eines retrospektiven Fiebertraums ist nicht neu. Man hat schon vielen Violettas, Lulus, Eurydikes, Sentas abendfüllend beim Sterben zugeschaut. Dennoch spricht einiges für diesen häufig bemühten Theatertrick. Er schafft wissende Distanz zur Überwältigungsmacht von Bühne und Musik, bewirkt die – je nach Inszenierung – frühe Verklärung oder fatale Überschattung des Geschehens, gewährt suggestive Blicke in die Innenwelt einer reflektierenden Heldin. Wenn eine Regisseurin vom Schlage Andrea Breths zu diesem ...
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Opernwelt Dezember 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Regine Müller
Altenburg, Ost-Thüringen, Oktober 2016. Kurz vor dem Ende der Kundgebung am Roßplan richtet Frank Schütze, Sprecher des sogenannten «Bürgerforums Altenburger Land», noch einen Appell an «die Freunde» – für den Nachhauseweg, mit Blick auf eine kleine Gruppe lautstark protestierender Gegendemonstranten: «Bitte zertretet kein Geschmeiß.» Eine Stunde lang haben Schütze...
Die Schlange, Urgrund allen Übels. Langsam windet sie sich über die Wählscheibe der Pariser Telefonzelle, ihr klein-gefährlicher Kopf, auf zwei schwingende Tücher über der Szene projiziert, ist in Großaufnahme zu sehen. Später wird die Versucherin über die auf dem Bett sinnende Margarethe gleiten, der Nachbarin Marthe hängt sie beim Flirt mit Mephisto um den Hals....
Eines Abends in Peking erschien mir im schweren Smog Konfuzius und schenkte mir Erkenntnis. Wie üblich, hatte man uns Programmhefte in die Garderoben gelegt. Ich nahm meines, warf einen Blick hinein – da ging mir ein Licht auf. Die Dinger sind wahre Memorabilia, der Beweis, dass man an einem bestimmten Ort war, teilhatte an etwas. Im Grunde wie Selfies, nur dass...
