Kernfragen

Wie bringt man Auschwitz auf die Bühne? Marc-André Dalbavies «Charlotte Salomon» in Bielefeld, Mieczyslaw Weinbergs «Die Passagierin» in Gelsenkirchen

Am 23. April wieder in Gelsenkirchen: Die Passagierin.

Es sind nur die Oboe und das Fagott, die Lisa aus der Fassung bringen. Sechs Töne, ein kurzes, wie beiläufig hingeworfenes Motiv. In Quart-, Terz- und Sekundschritten schleicht es sich in den Salon des Luxusdampfers, auf dem Lisa und Walter nach Südamerika fliehen. Die ehemalige SS-Frau und ihr westdeutscher Diplomatengatte. Die jetzt nur eines wollen, einen Schlussstrich ziehen unter das, was war. Und hoffen, auf ein neues Leben in der Ferne, auf eine Stunde Null, die alle Gedankenschwere über dem Gestern tilgt. Doch plötzlich tanzen sie wieder mit, die Dämonen der Vergangenheit.

Sechs Töne, die das mühsam errichtete Glück bedrohen. In vielen Varianten spuken sie durch das Orchester: klagend, drohend, schneidend, zum Himmel schreiend. Sie gehören jener geheimnisvollen Unbekannten auf dem Schiff, in der Lisa eines ihrer tot geglaubten Opfer aus dem Lager wiederzuerkennen glaubt. Es sind Martas Töne.

Mitunter reichen wenige Noten, um die Hölle aufzureißen. In der 1968 abgeschlossenen Oper «Die Passagierin» von Mieczyslaw Weinberg ist diese Hölle Auschwitz. Oder genauer: die Erinnerung an Auschwitz, aus Sicht einer Täterin. Der vor dem NS-Terror aus Warschau in die Sowjetunion ...

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Opernwelt März 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Albrecht Theimann

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